Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1904)
- Article
- Berlin / A. L.
- Date
- 1904-02-01
- Page
- 110 (sequence 1)
- Language
- German
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110 Im deutschen Reich. Korrespondenzen. # Berlin, 14. Februar. Der „Das Umspinnen der Flüglein" überschriebene Leitartikel der „Staalsbürger-Ztg.", in welchem eine am 26. v. M. von dem sozialdemokratischen Abg. Fischer gemachte Bemerkung zum Ausgang der abscheulichsten Gehässigkeiten gegen das Judentum gemacht wird, enthält so bösartige Verdrehungen, wie sie selbst in dem Bruhnschen Blatte noch nie zu finden waren. Der Abg. Fischer bekennt sich weder zum Judentum, noch stammt er von Juden ab; diese würden also in keiner Weise dafür verantwortlich sein, wenn er sich wirklich ,unerhörter Beleidigungen der christlichen Religionsgemeinschaft" schuldig gemacht hätte, „Daß der Jude ungestört alles durch den Schmutz ziehen kann, was den Deutschen heilig und teuer ist", „während der Christ, der ein freies Wort der Kritik über das Judentum sagt, wegen Klassen- und Rassenhaß in den Orkus geworfen wird", ist aber eine Behauptung, durch die den deutschen Richtern und Staatsanwälten die gröbste Pflichtverletzung vorgeworfen wird. Eine solche Beschimpfung richterlicher Behörden und eine weitere des R'ichslagspräsidenten, der dem Abg. Fischer keinen Ordnungsruf erteilte, meint der Leitartikelschreiber Burhn durch folgenden Zusatz zu mildern: „Uns genügt es, festzustcllen, daß hier tatsächlich eine unterschiedliche Behandlung und ein unterschiedlicher Schutz in bezug auf das Judentum und auf die. christliche Religion vorgekommen ist. Damit soll keineswegs der Vorwurf erhoben werden, daß ein Staatsanwalt, der in dem einen Falle Anklage erhebt und in dcnr andern nicht, oder ein Präsident, der in dem einen Falle einen Ordnungsruf erteilt, im andern Falle den parlamentarischen Verstoß laufen läßt, parteiisch handelt. Die Herren sind überzeugt, daß sie nach bestem Wissen und Gewissen verfahren, daß sie Licht und Scharten gleichmäßig verteilen, mit einem Wort, daß sie ihre Pflicht tun. Die fortgesetzte sinnverwirrende gleißnerische Tätigkeit zugunsten des Judentums hat den Blick getrübt." — Unseres Erachtens liegt aber darin eine noch.weit größere Herabwürdigung der richterlichen Behörden und des Reichstagspräsidcnlen, und zwar eine absichtliche, um damit auf Kosten der Beleidigten die Mißerfolge der Antisemiten in den Augen ihrer Parteigänger zu beschönigen. Für ähnliche Versuche, nicht für ihre Angriffe auf das Judentum, sind die Herren Bruhn und I)r. Böttcher zwar nicht in den .Orkus",