Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1904-02-01 · Heft 2 (Februar 1904) · p. 93

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
10 (1904)
Issue
Heft 2 (Februar 1904)
Article
Der Ewige Jude - kein Jude!
Date
1904-02-01
Page
93 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2316602-2316714-2316717-2332831--12106-2332907
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Der Ewige Jude — kein Jude. 93 klären versucht hat. Ich erblicke vielmehr in der weiter ausgeschmucklen Erzählung von Malchus, der Jesus nur dem Eijenhandschuh geschlagen haben jcll, ebeujo wie in der späteren Ahasver-Sage nur eine mönchische B arbeitung uralter heidni-cher Odinsjagen. weil die Tendenz beider Erzählungen keine Spur des christlichen Geistes trägt. Manche Forscher sehen bei Beurteilung der Ahasver-Sage von einer einzelnen Person ab und wollen in dem Ahasver den Typus des ganzen jüdischen Volkes erbt cken. weil dieses im Mittelalter von Land zu Land gehetzt, heimatlos und elend umherirrte. Hatten doch schon den von Jesara, Kapitel 53, geschilderten Leidensgang, den die christlichen Theologen auf Jeius beziehen, die Rabbinen als das Schick al Israels bezeichnet. Offenbar war z. B. Karl Gutzkow von der Anschauung der Verkörperung der Leiden eines ganzen Volkes in dem einen Ahasver geleitet, als er den Spinoziften Acosta sagen ließ: „Denn, wenn Ihr auch in Amsterdam So leidlich noch als Menschen angesehen seid — Ein Argwohn nur — Ihr müht von dannen zich'n. Des Ahasveros Söhne müßt Ihr wandern, Und ewig wandern, wandern ruhelos!" Dennoch wollte er selbst die Abasversage nicht immer in diesem Sinne beurteilt sehen, denn er schrieb im Oktober 1838 in der Zeitschrift „Telegraph": „Ahasver ist eine Chi inensage . . . Tie Frage des Judentums, die Frage des Tages, findet im Ahasver gar keine Erledigung, es sei denn so, wie ich es früher, ohne damit ein Maß g.'ben zu wollen, skizziert habe ... Ich gestehe, daß ich recht gut weiß, wir leben in einem Zeitalter der religiösen und politischen Nahrung wir haben eine spekulative Richtung, die über dem Positiven schwcbt, wir haben Strauß . . . aber prakmch, verständig die Dinge angesehen, hängt die Frage des Judentums wohl nur vom endlichen Siege jener Aufklärung auch bei uns ab, die in Holland und Frankreich die Emanzipation längst zugelaffin hat." In meiner Jugend war ich selbst davon durchdrungen, dah Ahasver die bitteisten Qualen der Juden verkörpere; das beweist folgende von mir vor 40 Jahren einer Jugendfreundin bei ihrer Ab* reise nach Amerika gewidmete Dichtung: Des Ahasveros Söhne müßt Ihr wandern, Und ewig wandern, wandern ruhelos, Das war so lang der Juden brtt'res Loos, Indessen süße Ruhe blieb den Ander»!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.