Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1904)
- Article
- Der Ewige Jude - kein Jude!
- Date
- 1904-02-01
- Page
- 87 (sequence 2)
- Language
- German
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Der Ewige Jude kein Jude. 87 aus den Volksbüchern schon in der Phantasie des Knaben eingebürgert hatte. Sie sollte sich ihm zu einem Epos formen, in welchem die hervorragendsten Punkte -der Religions- und Kirchengeschichte zur Darstellung kämen. Die Figur eines Dresdner Schusters, den er während seiner Leipziger Studentenzeit kennen gelernt hatte, sollte ihm dabei als Modell dienen. Ein Besuch Ahasvers bei Spinoza sollte ihm Gelegenheit geben, seiner Verehrung für die spinozistische Lehre Ausdruck zu verleihen. Allein es kam nicht zum Nieder'chreiben, und so oft er später sich wieder mit demselben Stoffe beschäftigte, immer wieder ließ er die Arbeit entmutigt liegen. Erwägt man den im Faust versinnbildlichten eigenen Bildungsgang Goethes, so erscheint sein Bedenken ganz erklärlich. Don der pantheiftijchen Vergötterung der Naturkräfte irregeführt, wirft sich Faust^Goethe dem nach Genuß ringenden Materialismus in die Arme, läutert sich dann an dem Jdealrsmus der Antike und findet schließlich die Harmonie der Seele in jener positiven Osftnbarungs-Religion, die ein kindliches Gemüt in Einfalt übt. Ein solcher versöhnender Abschluß fehlt aber der Ahasver- Sage, welche deshalb dem jeder Dissonanz abholden hellenischen Geiste des großen Dichterfürsten ftemd bleiben mußte. Aus ähnlichen Gründen blieb es auch dem griechisch geschulten Dichter Klopstock versagt, ein derartiges Gemälde in seiner ganzen Düsterkeit zu ichaffen. Sein dem Ahasver verwandter Dämon Abbadona reicht an die ganze ewige Verdammnis nicht heran. So blieb denn der Ahasver-Stoff den pessimistisch angehauchten Dichtern des' Weltschmerzes übertaffen, welche Trost für ihren persönlichen Kummer in der Schilderung des höchstmöglichen Lerdes fanden. Im Kerker der Festung Hohenasperg beschäftigte dreje Sage den schwergeprüften Dichter Christian Friedrich Daniel Scbubort,' der mit kühnem Sinn dem tyrannischen Herzog Karl von Württemberg getrotzt hatte und dafür mit jahrelanger Haft schmerzlich büßte. Zm Gefängnis schrieb er die „Fürstengruft" und ,Ahasver*. In dem letzteren Gedichte heißt es: „Ha! nicht sterben können, Nicht ruhen können nach des Leibes Mühen! Den Staubleib tragen mit seiner Totenfarbe Und seinem Siechtum — seinem Gräbergeruch. Sehen muffen durch Jahrtausende Das gähnende Ungeheuer Einerlei Und die geile hungrige Zeit Immer Kinder gebärend, immer Kinder verschlingend — Nicht sterben können!