Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-01-01
- Page
- 21 (sequence 2)
- Language
- German
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Umschau. 21 Vereinigung", welcher die drei antisemitischen Gruppen: „Reformer", „Deutsch-Soziale" und „(Christlich-Soziale", sowie die bayerischen und württembergischen Bauernbündler angehören, kaum in die Wagschale zu werfen. Einigkeit wird unter diesen Gruppen höchstens statrfinden, wenn es gegen die Juden geht; aber auch über die dafür zu befolgende Kampfesweise sind diese Zwerggruppen uneinig, wie die Aeußerungen des Grafen Reventlow in einer Volksversammlung gegen die „Berliner- Bewegung", gegen den Grafen Pückler und dessen „Schausteller", bereits hinreichend bewiesen haben. Die von dem Holsteinischen Grafen öffentlich gegen den Einberufer der Pückler-Versammlungen, Wilhelm Bruhn, gerichteten Vorwürfe, die Ln den „Deutsch-Sozialen Blättern" als völlig berechtigt bezeichnet wurden, sind den Anhängern der „Staatsbürgerzeitung" gewaltig in die Glieder gefahren und damit nicht abgetan, daß das Blatt erklärte, „als Minister würde Graf Reventlow den Berliner Antisemiten willkommen fein, einen ungerechten Kritiker brauche aber die Berliner Bewegung nicht". Wie sehr die Meinungen der einzelnen Antisemiten in Bezug auf die Kampfcsweise gegen die Juden auseinandergehen, zeigte auch die langatmige Etatsrede Liebermanns, die er durch die antisemitische Bemerkung zu würzen suchte, „daß man eine gewisse Kategorie von Staatsbürgern von der allgemeinen Wehrpflicht ausschließen und ihnen dafür eine Wehrsteuer auferlegen möchtet Die Heiterkeit, welche diese Aenßerung erregte, ermunterte ihn zu dem weiteren echt antisemitischen Scherz, die Juden als „Schädlinge" zu bezeichnen, die Wurzeln unseres Volkstums gefährden, die wir lieber bekämpfen, nicht auf dem Wege der Ausnahmegesetzgebung, sondern mit einer schärferen Handhabung der bestehenden Gesetze." Ein Mann wie Liebermann v. Sonnenberg, dessen militärische Laufbahn vielleicht ohne die Hilfe eines Warenhausbesitzers auch mit „Ausschluß aus der Wehrpflicht" ein Ende gefunden hätte, ist nicht im Stande, durch seine erniedrigenden Vorschläge brave jüdische Soldaten zu beleidigen oder unbescholtene Staatsbürger durch seine Schimpfereien in der öffentlichen Meinung herabzusetzen. Immerhin hätte man erwarten dürfen, daß aus der Mitte der liberalen Parteien, deren Mitglieder vor den Wahlen sich als entschiedene Gegner des Antisemitismus hingestellt haben, gegen solche Ausbrüche antisemitischer Rohheit protestiert worden wäre. Dieses Schweigen wäre noch mehr als die Heiterkeit in den Reihen der Konservativen geeignet, Herrn Liebermann zur Wiederholung solcher nichts weniger als anmutigen Scherze zu ermutigen. Fast noch auffälliger war das „beredte" Schweigen der Liberalen, als der Kriegsminifter von Einem bei der Erwähnung der traurigen Forbacher Vor-