Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1904)
- Article
- Der Ewige Jude - kein Jude!
- Date
- 1904-01-01
- Page
- 19 (sequence 7)
- Language
- German
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Der Ewige Jude - kein Jude 19 Dokumenten in einer Chronik des Florentiners Antonio di Francesco, welcher in ausfiihrlichster Weise das vielfache Erscheinen des ruhelosen Wanderers in dem Zeitraum von 1410 bis 1420 in Florenz, Bologna, Vicenza, Treviso und Ancona schildert. Ferner fand Morpurgo das Tagebuch eines Podesta von Agliano aus dem Jahre 1416, welcher über einen Besuch des rätselhaften Wanderers berichtet, der also ebenso in Italien wie in Deutschland leibhaftig gesehen worden ist. Auffallend häufig hat auch die Figur des Ewigen Juden die englischen Gelehrten und Dichter beschäftigt. Im Jahre 1797 erschien Andreas Franklins „The wanderinc Jew or Loves Masquerade"; außerdem haben nicht nur am Anfang und Ende des 19. Jahrhunderts die Dubliner Geistlichen Charles Robert Mathurin in dem Buche „Malmoth, the wanderer" und George Croly in der Schrift „Salathiel. the immortal" die Sage bearbeitet, sondern auch die Dichter Robert Southey, William Wordsworth und Percy Shelley sich durch sie zu poetischen Schöpfungen angeregt gefühlt. Don gelehrten Abhandlungen sind bereits die von Conway, Baring Gould und G. W. Cor erwähnt worden. Der fast in allen Kulturstaaten verbreiteten Sage mutz mehr als eine bloße Ueberlieferung zugrunde gelegen haben. Es läßt sich vielmehr annehmen, daß nicht die unzweifelhaft gesehenen auffälligen Personen den Anlaß zur Entstehung des wundersamen Märchens gaben, sondern daß verschiedene Leute die im Volksglauben feststehenden Sage für ihre persönlichen Zwecke ausbeuteten. Das anfangs verschwommene Nebelbild erhielt immer festere Umrisse, wurzelte aber, wie die ebenfalls uralte Faustsage, erst unausrottbar im Volksgemüt, nachdem es sich in bestimmten Personen verkörpert hatte. Selbst als die leibliche Person Ahasvers nicht mehr zur Erscheinung kam — der Dichter Julius Mosen erinnerte sich, daß sie zu seiner Kinderzeit noch durch sein voigtländisches Heimatsdorf ging — entwickelte sich die unheimliche Sage immer weiter fort, weil der Gedanke des Fortlebens infolge frevelhafter Taten völlig der germanischen Uranfchauurrg entsprach, dem Volke also von jeher eingepflanzt war. Dieser Gedanke liegt zahlreichen andern alten deutschen Sagen zugrunde und findet sich auch ül den Gespenstergeschichten von vielen inalten Burgen und Klöstern nächtlich ruhelos umherstreifenden Geistern wieder. Lebte doch die ganze altgermarwche Götterwelt heimlich in Bergen, in den Lüsten und in den Gewäffern fort, und zu diesen Göttern gesellte die Phantasie des treuen deutschen Volkes unsterbliche, volkstümliche