Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-12-01
- Page
- 716 (sequence 2)
- Language
- German
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716 Im deutschen Reich. 'mitische Abgeordnete Ludwig Werner im Kreise Rotenburg-Hersfeld wiedergewählt wurde und im Kreise Kassel-Land der deutsch-soziale 'Amtsrichter Lattmann ein Mandat errang. Noch mißlicher ist es, daß die Zahl der konservaliven Abgeordneten sich abermals, wenn auch nur unerheblich, vermehrt hat: denn die deutschen Juden haben unter ihnen zahlreiche wohlparfümierte Gegner, deren Einfluß sie weit mehr schädigt als der minder wohlriechende Antisemitismus der Gasse. Diese judenfeindlichen Rückschrittler würden selbst trotz ihrer numerischen Überlegenheit nicht zu fürchten sein, wenn man nicht zu gewänigen hätte, daß sie aus den Reihen der Centrumspartei, in der die Traditionen Windthorsts und Liebers sich leider mehr und m hr verflüchtigen, bei solgcnrelchen Vorstößen Unterstützung erhalten könnten. Für solche Liebesdienste würden viele Konservative gern dem Centrum den teuren Preis einer dem Geschmack der Kaplanspresse entsprechenden Schulpolitik zahlen. Daß die rückschrittlichen Parteien durch den Ausfall der Landtagswahlen versuchen werden, die Losung „Dem Sieger die Beute!" zur Geltung zu bringen, ist mit Sicherheit zu erwarten, vielleicht sogar zu wünschen. Erst ihr Uebermut wird imstande sein, die unterlegenen Parteien über die Widersinnigkeit ibrer kleinlichen Frat'tions-Zwnstsgkeiten zu belehren und dre dringende Notwendigkeit eines kompakten sturmfesten Liberalismus erkennen lassen, der nickt an den Fundamentalsätzen der Freiheit und Gleichheit rütteln läßt. Dre Judenfrage ist lediglich eine Kultmsrage. Eines Kulturvolkes ist es aber unwürdig, einzelne Mitbürger wegen ihres religiösen Beker ntnisses oder wegen ihrer Abstammung für minderwertig zu halten und demgemäß zu behandeln. Das wirkt nicht nur allgemein verrohend, sondern führt unaufhaltsam zu dem längstveralteten Kastenwesen zurück; denn wenn erst das Vorrecht der Geburt wieder anerkannt und die Gleichheit vordem Gesetz Illusorisch gemacht wird, dann wird es den bevorzugten Ständen sicher nicht mehr genügen, nur den hundertsten Teil der deutschen Bevölkerung mißhandeln zu dürfen. Denen, die bewußt und willig wieder zu den Fleischtöpfen der Sklaverei zuruckstreben und deshalb der unter der täuschenden Flagge der „Nationaluät" segelnden Reaktion das Staatssäpff gegen den vorwärtstreibenden Strom ziehen Helsen, liegt das Volkswohl nicht so am Herren wie das eigene Fortkommen. Wer aber die Volksbildung und die Volkswohlsahrt als hehre Jeeale betrachtet, der muß es auch als Lebensfrage ansehen, die Glerchberechtigung aller deutschen Bürger gegen jeden Angnff zu schützen. Nichts ist deshalb für den Niedergang der politischen Verhältnisse so kennzeichnend wie die traurige Wahrnehmung, daß sich selbst in solchen Kreisen, deren Wohl und