Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1903)
- Article
- Die Feinde des Judentums und des Kulturfortschritts
- Date
- 1903-12-01
- Page
- 693 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2316602-2316701-2316713-2332494--11809-2332569- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
693 Die Keinde des Judentums und des Kirtturfortfchrittes. Von vr. meä. I. Lewy in Berlin. ist an dieser Stelle öfters mit Nachdruck hervorgehoben worden, daß der Kampf, den wir gegen die anrisemitische Bewegung führen, nicht nur dcm Selbsterhaltungstriebe und berechtigten egoistischen Interessen entspringt und dienen soll, sondern daß das Wohl des Vaterlandes, dessen Gedeihen auch uns als vollgültigen Bürgern desselben am Herzen liegt, diesen Kulturkampf erforderlich macht. Denn die Vertreter des Antisemitismus decken sich mit den Vertretern der ärgsten Reaktion, sie sind die Feinde jeden Fortschrittes, sie untergraben die Ordnung und das Rechtsgefühl des Volkes, drücken das Bildungsniveau herab, indem sie den einfachsten Grundsätzen der Humanität Hohn sprechen, und sind die grimmigsten Gegner der Aufklärung, mit deren Verbreitung ihnen der Boden unter den Füßen schwinden muß. Nichts verständlicher darum auch, als daß sie die Wissenschaft hassen, die das Streben nach Wahrheit bedeutet. Wer darüber noch im Zweifel sein konnte, dem mußten die beschämenden Vorgänge, die sich in den letzten Oktobertagen im niederösterreichischen Landtage abgespielt haben, die Augen öffnen. Unter der Führung des antisemitischen Oberhauptes der Kaiserstadt Wien wurde unter der Parole „Bekämpfung der Vivisektion"' ein Feldzug gegen die Aerzte und ihre Wissenschaft unternommen, wie er, gehässig und verächtlich zugleich, wohl ohne Beispiel ist. Tierquälereien, gefühllose Rohheiten, Leichenschändungen, raffinierte vivisektorische Verbrechen und ähnliches warf man den Vertretern der Heilkunde unter den häßlichsten Schimpfreden vor und schonte selbst einen Mann, wie Hofrat Politzer, nicht, der mit Recht als Leuchte der Wissenschaft und Zierde der -Wiener Universität gilt und'als bedeutender Arzt weit über die schwarz-gelben Grenzpsähle hinaus geschätzt und verehrt -wird. „Schäbiger Jud'", das war das Urteil, das man im niederösterreichischeu Landtage für diesen um die leidende Menschheit so hoch verdienten