Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- Der Centralverein und die politischen Wahlen
- Date
- 1903-11-01
- Page
- 635 (sequence 17)
- Language
- German
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Ter CentraL-Verein und die politischen Wahlen. 635 Sie wissen, daß das Programm, das heute noch die Freisinnige Vereinigung unverändert besitzt, die Freisinnige Volkspartei nur sehr wenig und gerade in dem Punkte der Judenfrage garnicht verändert Hat- Programmatisch sehen wir also die beiden Gruppen, die Vereinigung und die .Volkspartei, auf ganz genau demselben Standpunkt uns gegenüberstehen. Fragen wir, wie sich die Partei in der Praxis verhält, dann will ich zunächst einmal an die Vergangenheit kurz erinnern. Sie wissen Alle, m. H., daß wir früher niemals daran gezweifelt haben, daß die Freisinnige Volkspartei eine zuverlässige Stütze unserer Forderung, der Forderung nach staatsbürgerlicher Gleichberechtigung, ist; Sie wissen, daß sie auch früher ebenso wie die Freisinnige Vereinigung von unseren Gegnern als die Judenschuhtruppe oder die Judenknechte, beschimpft und gescholten worden ist. Für die Vergangenheit brauchen wir nicht ein Wort zu wechseln, die Angriffe gegen die Freisinnige Volkspartei stammen erst aus einer jüngeren Zeit, sie fallen ungefähr zusammen mit der Zeit des Niederganges des Liberalismus. Man hat der Freisinnigen Volkspartei vorgeworfen, daß sie praktisch ihre philosemitischen Tendenzen nicht betätigt habe, und hat ihr ganz besonders vorgeworfen, daß sie bei den Kandidaturen zum Parlament jüdische Bewerber nicht berüchsichtige. Ich darf darauf erwidern, daß, als ein jüdisches Blatt diese Forderung im Jahre 1896 speziell mit Bezug auf den preußischen Landtag aufstellte, diese Forderung sehr schnell erfüllt wurde. Ich lasse dahingestellt, ob sie erfüllt wurde, weil das Blatt daran erinnerte, oder weil es der Zufall so traf, für uns genügt die Tatsache: die Forderung wurde erfüllt. Sie wurde aber bisher, meine Damen und Herren, nicht erfüllt bezüglich der Kandidaturen zum Reichstage, und grade aus diesem Umstande ist der Volkspartei ein schwerer Vorwurf gemacht worden. Richtig ist die Tatsache, daß wir im Reichstage keinen Juden sitzen haben, der der Freisinnigen Volkspartei angehört, und daß dies Veranlassung zu einem Mißtrauen gegen die Partei geben kann. (Zustimmung.) Es wird einem Teile unter ihnen bekannt sein, daß ich ja persönlich in ziemlich enger Fühlung mit der Parteileitung stehe, und daß das, was ich Ihnen sage, deshalb nicht gesagt wird vom Hörensagen, sondern aus unmittelbarer eigener Anschauung. Zum Teil habe ich es selbst am eigenen Leibe erfahren, zum Teil habe ich es bei guten Freunden, Bekannten und Kollegen gesehen, die in gleicher Lage sich befanden. Da darf ich Ihnen erklären, daß in einer stattlichen Reihe von Fällen die Parteileitung der Freisinnigen