Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- Der Centralverein und die politischen Wahlen
- Date
- 1903-11-01
- Page
- 632 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2316602-2316701-2316712-2332330--11689-2332407- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
632 Im deutschen Reich. Ich muß auch daran erinnern, daß die Sozialdemokraten mit dem Antisemiten Krösell in Pyritz ein festes Kartell abschlossen, das auch gehalten wurde. Es verpflichteten sich die Sozialdemokraten für den Antisemiten Krösell zu stimmen, und dafür verpflichteten sich die Antisemiten, in Stettin für den Sozialdemokraten zu stimmen. (Zuruf: Sehr bestritten!) Ich habe auch hier wieder gar nicht die Absicht, den Sozialdemokraten einen Strick daraus zu drehen. Aber wir wollen unsere Augen offen halten, wir wollen ganz klar sehen und uns durch keine Parteibrille den Blick trüben lasstzn. Wir sollen wissen, daß die Sozialdemokratie dort, wo es ihrer Taktik vorteilhaü erscheint, sich gar kein Gewissen daraus machte, mit den Antisemiten zu paktieren, und es ist eine Auffassung, die wir hier im Centralverein immer schon vertreten haben und die auch von berühmten sozialdemokratischen Führern vertreten worden ist, daß der Antisemitismus in der Tat der Sozialismus der dummen Kerle ist, und daß folgerichtig der Antisemitismus zu dem Sozialismus überleitet. Man sängt mit den jüdischen Kapitalisten an und hört mit dem beweglichen Kapital und dem Grundbesitz schlechthin auf. Das waren einzelne Beispiele, die sich vervielfältigen ließen, die uns nichts anderes zeigen, als daß wir nicht blindlings einer bestimmten Partei vertrauen dürfen, daß wir immer in jedem einzelnen Falle zu prüfen haben und daß wir auf der Hut fein sollen, auf der einen Seite vor Vertrauensseligkeit, aus der anderen — meine Herren, das betone ich hier — auf der Hat fein sollen vor Mißtrauen. Es bleibt, meine Herren, die Tatsache bestehen, daß alle solche Erscheinungen, wie ich sie jetzt hier aus der sozialdemokratischen Partei Ihnen mitgeteilt habe, nichts ändern au der unerschütterlichen Tatsache, daß jeder sozialdemokratische Kandidat gegenüber einem irgendwie antisemitisch angehauchten Kandidaten immer eine sichere Bürgschaft dafür ist, daß unsere staatsbürgerlichen Rechte durch ihn im Reichstage nicht erschüttert werden, daß im Gegenteil er ein Bollwerk gegen alle Angriffe aus unsere Gleichberechtigung ist. (Zustimmung und Beifall.) Aber das hindert nicht, uns doch im einzelnen klar zu werden, daß eine Liebe, eine Wärme wir dort nicht finden und nicht zu hoffen haben. (Ruf: Sehr wahr!) Meine Damen und Herren, ich komme jetzt zu dem schwierigsten Kapitel des heutigen Abends, zu der Besprechung unserer Stellungnahme zu den freisinnigen Parteien. Schwierig nenne ich das Kapitel aus dem einzigen Grunde, weit gerade in der jüngsten Zeit die gegenseitigen Anfeindungen dieser Parteigruppen wohl geeignet sind, das Bild beider vor unseren Augen zu verwirren. Als mir der Auftrag