Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-10-01
- Page
- 581 (sequence 9)
- Language
- German
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Umschau. 581 hat man bisher an diesem studentischen Brauch nicht zu rütteln vermocht und nicht gewagt, die Freiheit und das Selbstbestimmungsrecht der akademischen Bürger anzutasten. Gesellschaftliche Gleichberechtigung in jedem Falle läßt sich eben nicht erlisten, erraffen und erjobbern." Darauf antworten wir: Sie soll und wird nicht erlistet, nicht erbettelt, sondern verdient, verlangt und schließlich erlangt werden von dem Gerechtigkeitssinne des deutschen Volkes. In dieser Gewißheit warnen wir unsere Glaubensgenossen vor unnötigen Absonderungen dort, wo keine Beleidigungen zu fürchten sind, wo eine gemeinsame Kulturarbeit aller deutschen Staatsbürger möglich und willkommen ist. Wir wünschen mannhafte Abwehr jeden Unrechts, unentwegte Bekämpfung antisemitischer Angriffe, mißbilligen aber jede übermäßige Empfindlichkeit in Fällen, wo wirklich nur unsere durch zahllose Nadelstiche sehr reizbar gewordene Haut etwas Feindseliges zu fühlen scheint. Selbst der Schein freiwilliger Abschließung muß aber jetzt vermieden werden. Insoweit der Zionismus politisch mehr erstrebt als die billige Forderung einer Heimstätte für heimatlos gemachte Glaubensgenossen, sind seine Ziele und W'ge bedenklich; die an und für sich löbliche Pflege körperlicher Uebungen in den Kreisen der jüdischen Jugend ist durch die Veranstaltung des jüdischen Turntages in Basel unnötiger Weise in ein Licht gestellt worden, welches den Antisemiten weit besser gefällt als den vaterlandliebenden deutschen Juden. Die Furcht vor grundsätzlichen Gegnern soll und darf unsere Handlungen nickt bestimmen; wer aber wie wir für eine kleine Bevölkerungsminderheit Rechte fordert, die uns bis jetzt nur widerwillig und nur teilweise zugestanden worden sind, hat Grund, auch den geringsten Schein des Unrechts zu scheuen. Wir müssen überall, wo es gemeinnützige Dinge zu fördern, edle Kulturarbeit zu leisten gilt, und wo die Mitarbeit der Juden möglich und sogar erwünscht ist, mit unseren christlichen Mitbürgern Schulter an Schulter stehen. Nur dort, wo unsere heiligsten Güter, unser Glaube, unsere Ehre und unsere Familie bedroht sind, müssen wir deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens fest Zusammenhalten, stets zur Abwehr gerüstet, immer bereit, die eigene Haut zu Markte Zu tragen im Kampfe wider jene, die nicht nur Feinde des Judentums sind, sondern des gesamten deutschen Vaterlandes, dem sie doch schon vor Jahrzehnten die „größte Schmach des Jahrhunderts" zugefügt haben und noch weitere ähnliche Schmach durch eine Sondergesetzgebung für Juden zufügen wollen. Unsere Losung-bleibt der Kernpunkt unserer Leitsätze .-„Höher als Alles steht das Vaterland!" In diesem Zeichen werden wir siegen, denn nach dem alten Bibelwort ist „das Panier über uns die Liebe" — die vorurteilslose, allumfassende Menschenliebe!. A. L.