Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1903)
- Article
- Christentum und Antisemitismus
- Date
- 1903-10-01
- Page
- 568 (sequence 2)
- Language
- German
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Mittags, tu Gegenwart meiner Tochter und unseres Fräulein Schultz., durch unausgesetzte Schimpfereien auf die Juden gröblich reizten und beleidigten. Da Ihnen aus meinem jüngsten Briefwechsel mit Ihrem Fräulein Schwester wohl bekannt war, daß ich mit jüdischen Familien freundschaftlich verkehre, Sie auch meine Ansicht über die Verwerfe lichkeit und Verächtlichkeit des Antisemitismus genügend -kannten, so war es unverantwortlich von Ihnen, Ihrem Hasse gegen die Juden mir gegenüber andauernd in so schmählicher Weise Lust zu machen! Trotz meiner ungeheueren Gereiztheit aber habe ich mich zum Glück bezwungen, Ihnen nicht gebührend geantwortet, sondern, da Sie an meinem gastlichen Tische saßen, mit Rücksicht auf den Schutz des Gastrechtes, unter dem Sie standen, still geschwiegen. Was Sie dazu veranlaßt hat, mich in solcher Weste zu reizen und zu beleidigen, kann ich nicht erraten, und bedaure ich, daß auch nicht die Erinnerung an die Ihnen seit vielen Jahren in meinem Hause gebotene weitgehendste Gastfreundschaft Sie verhindert hat, jede Rücksicht so hintenan zu setzen, und bisweilen beschleicht mich der Gedanke, ob vielleicht Ihr Auftreten ein absichtliches war, um sich für die Abweisung Zu rächen, welche ich Ihrem Fräulein Schwester auf ihre Zumutungen habe zu Teil werden lassen, und dieser Gedanke ist gar nicht so absurd, denn anderweitig, z. B. am Tische des Fürsten, Ihres Patrons, haben Sie doch wohl nicht in solcher Weise, oder überhaupt nicht, Ihrem fanatischen Hasse gegen die Inden Luft gemacht! Sie haben mir, als ich tief darnieder gebeugt durch den Tod meines lieben Weibes mich mit Vorwürfen und Bedenken quälte, die Liebe dieser edlen Frau nicht genug gewürdigt zu haben, Selbstgerechtigkeit vorgeworsen, während ich betrübt und Zerknirscht war, und jetzt erheben Sie sich, wie einst die Pharisäer in ihrem Dünkel, selbstgerecht als zürnender Richter über einen Teil Ihrer Mitbürger, nur weil es Juden sind? Wie bringen Sie solches Handeln in Uebereinstimmung mit Ihrem Amte und mit der Lehre der christlichen Kirche und deren Gebote der Nächstenliebe? Wie können Sie, als Diener des Herrn, im Talare am der Kanzel Christi Gebot verkünden: „Liebet euere Feinde, segnet, die euch fluchen, tuet wohl denen, die euch beleidigen und verfolgen" und, wenn Sie den Talar abgelegt, Feindschaft, Haß und Verfolgung