Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 8 (August 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-08-01
- Page
- 482 (sequence 12)
- Language
- German
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482 Im deutschen Reich. erteilten Ratschläge zweifeln Zu machen. Vergebens haben der Minister von Plehwe und seine Werkzeuge die Berichte von Kischinew so zugestutzt, als ob die Juden selbst den ersten Anlaß zu den schändlichen Krawallen gegeben hätten. Umsonst ist die russische Priesterschast angeleitet worden, dieselbe Anschauung zu verbreiten und nicht für die Opfer der Katastrophe, sondern für die an den Metzeleien Beteiligten und ihre Angehörigen Sympathien wachzurusen. Dem Zaren ist doch schließlich durch den in den menschlich fühlenden Kreisen aller Kulturstaaten über die Freveltaten in Südrußland kundgegebenen Abscheu, der ihn zunächst zum Verzicht auf seine Reise nach Rom zwang, die wahre Sachlage bekannt und eine Wahrheit nahegelegt worden, welche das weitverbreitete englische Blatt „Daily News" bei der Ermordung des serbischen Königspaares mit den Worten ausdrückte: „Vom menschlichen Standpunkte ist es ebenso verbrecherisch Juden zu massakrieren als wie einen König zu erschießen." Daß der Präsident der nordamerikanischen Union die Absicht kundgab, die energische Petition amerikanischer Bürger in Sachen der Kischinew- Greuel der russischen Regierung im amtlichen Wege übermitteln zu lassen und nur mit Rücksicht aus die jede Einmischung in innere Angelegenheiten fremder Staaten ausschließende amerikanische Monroe-Doktrin darauf verzichtete, hat auf den Zaren zweifellos einen tiefen Eindruck gemacht. Der menschenfreundliche Präsident des Nordamerikanischen Freistaats beruhigte sich aber erst vollständig, als er die Gewißheit erlangte, daß der Beherrscher Rußlands auch ohne einen ihn tief verletzenden offiziellen Schritt Kenntnis von dem Inhalt der amerikanischen Petition erhalten und derselben durch entsprechende Anordnungen Rechnung getragen habe. Im Aufträge des Zaren traf bereits in den ersten Julitagen ein Direktor des Justizministeriums in Kischinew ein, um eine strenge Untersuchung vorzunehmen. Alle bereits aus der Haft entlassenen Personen wurden wieder verhaftet; der angebliche Hauptschuldige Pizerjewski hatte sich der Verhaftung und Strafe durch Selbstmord entzogen. Wenn in dem betreffenden Berichte hinzugefügt wurde, die moralischen Urheber der Metzeleien seien ebenfalls verhaftet, ist dies offenbar nicht wörtlich zu nehmen; denn der Herausgeber des Kischinewer Hetzblattes „Befsarabez" und der unter dem Titel „Snamja" in Petersburg erscheinenden russischen „Staatsbürger-Ztg.", Herr Kruschewan, befindet sich noch auf freiem Fuße, und der ihm huldvoll gesinnte Minister des Innern von Plehwe wird wahrscheinlich an maßgebender Stelle versichern, daß Kruschewan ein streng monarchisch gesinnter Mann sei, der das Totschlägen der Juden nur „bildlich" gemeint habe. Daß der Vicegouverneur von Kischinew, Ustrugow, nach dem Kaukasus