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Im deutschen Reich · 1903-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1903) · p. 453

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
9 (1903)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1903)
Article
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur [Rezension]
Date
1903-06-01
Page
453 (sequence 2)
Language
German
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die politischen Vorgänge, welche in den letzten Jahren für die Angehörigen unserer Glaubensgemeinschaft als solche in den einzelnen Ländern Erfreuliches oder Trübes gebracht haben. Trotz der in Frankreich erfolgten Wendung zum Besseren, überwiegt im Allgemeinen das Traurige. In der dann folgenden „Literarischen Jahresrevue" von Gustav Karpeles wird mit Recht als wichtigstes Jahresereignis die Begründung der „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" hervorgehoben. Der neue Verein bezweckt „Herausgabe von Schriften, die diese Wissenschaft betreffen, und Gewährung von ausreichenden Jahresstipendien an junge jüdische Gelehrte, die die Wissenschaft des Judentums auszubilden bemüht sind/' „Es versteht sich von selbst, daß die von der Gesellschaft herauszugebenden Schriften einen streng wissenschaftlichen Charakter haben werden, aber es wäre mehr als töricht, wenn man glauben wollte, daß diese Arbeit nicht auch für weitere Kreise von großem Nutzen sein werdet Trefflich wird von Karpeles auch das Verfahren von Adolf Harnack charakterisiert, der vielfach in seinen Werken antisemitischen Gefühlen Nahrung gibt, wo dergleichen durch das ihm vorliegende Quellenmaterial in keiner Weise geboten ist. So schreibt dieser Gelehrte beispielsweise in seinem neuesten Buche „Die Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten" folgendes über die Juden: „Sie haben, wenn nicht alles täuscht, die neronische Judenhetze inspiriert und fast überall bei den späteren blutigen Verfolgungen im Hintergründe oder im Vordergründe der Aktion ge-, standen." Karpeles hebt hervor, daß eben in solchem Falle, wo direkte Quellenzeugnisse fehlen, es sehr leicht möglich ist, daß „alles täuscht." Wer Renan s Werk über Judentum und Christentum gelesen hat, wonach erst, als das Christentum zur Staatsreligion wird und die Christenverfolgungen aufhören, der Zusammenhang des Gottesdienstes beider Konfessionen allmählich verschwindet, möchte glauben, daß Herr Harnack sich hier ziemlich leicht täuschen läßt. In jedem Falle erwächst, wie Karpeles hervorhebt, „den jüdischen Gelehrten die Pflicht, Harnack Schritt für Schritt zu folgen und streng wissenschaftlich zu widerlegen." Wie sehr die Universitätstheologie, auch die sogenannte liberale, von vorgefaßten Meinungen und ererbten Gefühlen auch bei der Auslegung des Bibeltextes beeinflußt wird, zeigt auch der beste der in dem Jahrbuch enhaltenen Einzelauftätze, H. M. C. „Sein Blut komme über uns." Er behandelt die bekannte Stelle aus dem Matthäus-Evangelium, nach dem die Juden diesen Ausspruch vor der Kreuzigung Christi getan haben sollen. Unter Heranziehung vom

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