Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-06-01
- Page
- 410 (sequence 1)
- Language
- German
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410 Im deutschen Reich. MRn einer Wählerversammlung des Zentrums hat kürzlich in Münster HH Freiherr von Hertling den Ausspruch des Kaisers mitgeteilt: „Wir können uns doch nicht wie unsere Altvorderen über religiöse Fragen die Köpfe ein'chlagen. Wir müssen in Frieden miteinander leben." Die Hetzer, welche gerade in der Wahlzeit mit verdoppeltem Ungestüm ihr unheimliches Werk betrieben, mußten sich sagen, daß sie nach Liesen echt friederizianischen Worten keine regierungsseitige Unterstützung für ihre beständige Schürung des Religionshasses zu erwarten hätten. Es mußte ihnen klar sein, daß das straffe, verfassungsmäßige Regiment in Deutschland ruchlosen Plänen katilinarischer Existenzen weit hinderlicher sei als die unter der hypernervösen russischen Autokratie emporwuchernde feile Satrapenwirtschaft oder die unter einer Schein- Monarchie zu jeder Willkür geneigte revolutionäre Oligarchie rumänischer Bojaren. Sie hatten vergebens gehofft, daß sich auch im deutschen Reiche die Laien über religiöse Fragen die Köpfe emschlagen und sie bei Plünderungen von wehrlosen Andersgläubigen dabei ihre leeren Taschen füllen könnten. Der Verlauf der genau nach dem österreichischen Muster von Polna angestellten Konitz-Affäre hat aber gezeigt, daß die antisemitischen Anarchisten die Gesinnungstüchtigkeit und den Gerechtigkeitssinn deutscher Fürsten, Verwaltungsbeamten und Richter weit unterschätzt haben. In Deutschland sieht man in Leuten, die mit Mordbrennern und Franenschändern sympathisieren, die durch ihre Ritualmord-Legenden einer Anzahl von Lnstmördern dazu verhelfen, der gerechten Strafe zu entrinnen, glücklicherweise noch nicht „die einzigen Stützen von Thron und Altar". Es gehört im deutschen Reiche eine gehörige Portion antisemitischer Unverfrorenheit und ein eigentümlicher Leserkreis dazu, um durch dunkle Andeutungen über „Blutleere" der Leiche und „ähnliche Verstümmlungen wie bei Ernst Winter" das Vorhandensein eines bloßen Lustmordes in Zweifel zu ziehen, wie es der Redakteur des „Bütower Amtsblattes" bei Besprechung des an dem Spreeufer an der 14 jährigen Schülerin Lina Olga Hoffmann verübten schändlichen „Lustmordes" getan hat! Das ist ja wieder der alte entwindigende Versuch, pommersche und ofipreußische Landleute auf das Bildungs-Niveau czechischer Rowdies und russischer