Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-05-01
- Page
- 342 (sequence 3)
- Language
- German
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342 Im deutschen Reich. femiten als Partei zu behandeln, ist ein schwieriges Problem. Unter den im Reichstage befindlichen Antisemiten bestehen zahlreiche — mindestens vier Richtungen, die der konservativen Partei mehr oder weniger nahestehen, aber sämtlich entschiedene Feinde der Sozialdemokratie sind. In den verschiedenen Gauen Deutschlands pflegen auch die Antisemiten verschieden auszutreten. Im allgemeinen scheint aber bei dem bevorstehenden Wahlkampfe von antisemitischer Seite ein Einfall in konservative Wahlkreise, wie er früher bedauerlicherweise organisiert war, nicht beabsichtigt Zu sein. Von der Person Ahlwardts, der seine eigenen Wege geht und nur bei den Wahlen sich daran erinnert, daß er dem Reichstage angehört, sehen wir ab. Er ist als grundsätzlicher Gegner grundsätzlich zu bekämpfen. Was die übrigen antisemitischen Richtungen anbelangt, so wird über über ein Zusammengehen mit ihnen, wie es im Königreich Sachsen allgemein beschlossen worden ist, in den übrigen Wahlkreisen von Fall zu Fall verhandelt werden müssen. Es ist aber zu hoffen, daß sich meist ein Hand in Handgehen der Konservativen und Antisemiten in der bevorstehenden Wahl wird ermöglichen lassen." Es gehört eine gute Portion Verblendung dazu, es als eine staatserhaltende Handlung hinzustellen, den burlesken „SanseuloLLismus" Ahlwardts grundsätzlich zu bekämpfen und die weit gefährliche Wühlhuberei eines Wilhelm Bruhn so zu unterschätzen, daß man in diesem Unheilstifter keinen grundsätzlichen Gegner erkennt, sondern ein Hand in Handgehen mit ihm für möglich hält. Dabei ist er ehrlich genug, zu sagen, daß ihm die konservative Partei nur als Mitstreiterin willkommen ist, soweit sie sich an das judenfeindliche Tivoli-Programm zu halten verspricht: im übrigen sagt er aber, „daß die antisemitische Partei keinen Anlaß hat, den Kampf mit den Konservativen zu fcheuen, andererseits aber auch da, wo es geboten erscheint, gern in Kampfgemeinschaft tritt, ohne sich besonders um die Freundschaft der Konservativen bemühen zu wollen." Wer bei diesem Handel den kürzeren ziehen wird, ist schwer vorauszusehen: daß Wilhelm Bruhn nur dann mit den Aristokraten sympathisiert, wenn er wie bei dem Grafen Pückler sein Schäfchen scheeren kann, beweist die hartnäckige Art seiner Wahlagitation. So hat er selbst dem Andrängen, zu Gunsten des konservativen Kandidaten, Landtagsabgeordneten Zindler-Neudorf auf feine scharf bestrittene Kandidatur im Wahlkreise Czarnikau- Kolmar-Filehne zu verzichten, erst nach langem Sträuben nachgegeben, trotzdem (falls der jetzige liberale Vertreter des Kreises, Direktor Ernst- Schneidemühl nicht im ersten Wahlgang wiedergewählt werden sollte") der Kreis leicht einen polnischen Vertreter erhalten könnte.