Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 4 (April 1903)
- Article
- Marburg a. L.
- Date
- 1903-04-01
- Page
- 307 (sequence 2)
- Language
- German
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Korrespondenzen. 307 jeiuem ersten Bericht ein gedankentieses Essay des Geh. Regierungsrats Professor Dr. Hermann Cohen über die Sprüche in dem gedachten Lehrlingsheim. Gleichzeitig veröffentlicht der Verein nachstehenden Ausruf: „Die seit mehr als zwei Jahrzehnten gegen unsere Glanbensgenoffenschaft entfesselte Agitation hat die Schwächung unserer wirtschaftlichen Kraft zu ihrem ausgesprochenen Ziele. Das hessische Land, zuerst das ehemalige Kurhessen, bald daraus auch das Großherzogtum Hessen, ist von dieser Agitation am heftigsten und nachhaltigsten betroffen worden. Ein untrügliches Zeichen dieses bereits andauernden Notstandes bildet die Tatsache, daß während früher jüdische Kinder vom Lande mit einer gewissen Regelmäßigkeit nach Marburg zum Besuch der höheren Schulen in Pension gegeben wurden, seit Jahren die Zahl derselben immer geringer und jetzt verschwindend klein geworden ist. Dieses Symptom des wirtschaftlichen Niederganges unserer Glaubensgenossen aus dem Lande ist nicht nur das Anzeichen einer drohenden Gefahr für den Fortbestand und die Verschlimmerung dieser Notlage, sondern es enthält zugleich die Warnung vor dem sittlichen Notstand, der daraus entstehen könnte. Bildung ist vorzugsweise imstande, die wirtschaftliche Kraft zu heben und die Gesittung zu sichern. Langjährige Beratung über die Mittel zur Abhilfe hrt uns schließlich zu dem Entschluß geführt, in Marburg ein Haus zu gründen, in welchem jüdifche Knaben, insbesondere aus hessischen -Orten, Aufnahme finden sollen, um ein Handwerk zu erlernen oder eine der hiesigen Schulen zu besuchen. In diesem Hause sollen sie zu einem geringen Betrage, eventuell umsonst, Aufnahme, Verpflegung, Ueberwachung und Erziehung, endlich auch Nachhilfe finden. Auch für Unterricht in den Grundlagen unserer Religion, sowie in unserem Schrifttum und unserer Geschichte soll Sorge getragen werden. Denn während wenigstens in Deutschland der offene Kamps nicht gegen unsere Religion gerichtet ist, hat er seine Stütze in der versteckten Feindschaft, welche die sittliche Kraft unserer religiösen Eigenart verdächtigt und zu mindern trachtet. Durch die jüdischen Studenten hier sind uns Lehrkräfte für diesen wichtigen Zweck verfügbar, denen wir wiederum durch die ihnen zu gewährende Unterkunft hilfreich sein könnten. Hochherzige Gaben haben uns in Stand gcsetzt, den Bau des Hauses zu beginnen, der nunmehr seinem Abschluß entgegengeht. Zur Fertigstellung des Gebäudes, sowie zu seiner inneren Einrichtung und endlich zur Sicherung des Betriebs wendet sich der Unterzeichnete Vorstand an weitere Kreise mit der vertrauensvollen Bitte, unser Unternehmen durch Spenden, sowie durch jährliche Beiträge zu unterstützen. Die jüdische Wohltätigkeit ist allzeit von dem Grundsatz