Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 4 (April 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-04-01
- Page
- 282 (sequence 2)
- Language
- German
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262 Im deutschen Reich. hätten, das suchten sie seitdem, zum Glück vergeblich, von seinen Nachfolgern zu erlisten oder zu ertrotzen: die Umkehr zu mittelalterlichen Verhältnissen, den Rückschritt aus den verschiedensten Kulturgebieten und insbesondere reiche Pfründen für alle, welche die schlimmste kulturfeindliche Bewegung in Fluß gebracht haben. Daraus erklärt sich ihr mühsam verhüllter Haß gegen die fetzigen Staatslenker, die ihnen nicht vollständig zu Willen sind, durch halbe Zugeständnisse sie nicht zu versöhnen vermögen und die verkappten Demagogen nur in der Hoffnung bestärken, durch Drohungen und heuchlerische Loyalitäts-Versicherungen doch noch ans Ziel zu gelangen. Geheuchelt wie die von jenen Politikern dem toten Heros am 1. April dargebrachten Huldigungen sind die ihre beständig wiederholten Versicherungen, daß sie die wahren Stützen von Thron und Altar seien; denn die überschwängliche Verhimmelung der Bismarck-Periode kann nur darauf abzielen, das jetzige RegieruugSsystem herabzusetzen. Demselben Zweck dienen aber auch offenbar die Uebertreibungen der wirtschaftlichen Schäden der Gegenwart und die gesamten böswilligen Kritiken, die sich selbst gegen die höchste Stelle richlen und sich immer kühner hervorwagen, weil bisher selbst die respektloseste „antisemitische Lehrmeisters ungeahndet geblieben ist, während manche mehr unbesonnene als bösgemeinte Aeußerung von anderer Seite die strengste Ahndung nach sich gezogen hat. Es ist eine überaus traurige Wahrnehmung, daß der „Judenhaß" noch immer der „Koller von Elenshaut ist, den keine Kugel kann durchbohren", daß man die Machthaber nur vor den angeblichen Revolutionsgelüsten der Juden zu warnen braucht, um ohne irgendwelche Gefahr für sich selbst die Minierarbeit der Verschwörung bis an die Stufen des Thrones heran fortzusetzen. Nicht nur für furchtsame Kinder ist noch immer der Jude der „schwarze Mann", durch den man sie gefügig macht, demselben Zweck dient großen und klugen Männern gegenüber, noch heute das Märchen von der angeblich mit der „roten Internationale" verbrüderten „goldenen Internationale" oder auch die bange Furcht davor, nach jeder humanen Anordnung sofort in antisemitischen Blattern und Versammlungen als „Judenknecht" verschrieen zu werden. Als kürzlich die italienische Regierung sich weigerte, den in Neapel wegen Verdachts der Mittäterschaft bei der Ermordung des Ministers Szipjagin verhafteten russischen Studenten Götz ohne weiteres nach Rußland auszuliefern, weil in den bei ihm beschlagnahmten Papieren keine Beweise für begangene Verbrechen gefunden wurden, zeterten die deutschen Antisemiten sofort über das von den italienischen Ministern begünstigte