Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 4 (April 1903)
- Article
- Die bevorstehenden Reichstagswahlen
- Date
- 1903-04-01
- Page
- 262 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316701-2316706-2331311--10901-2331375- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
262 Im deutschen Reich. Beamten. Der Bund der Landwirte bringt Hunderttausende alljährlich für eine planmäßige und rücksichtslose Agitation aus. Der festgefügte Centrumsturrn schützt die Interessen der Katholiken. Wenn uns aber auch eine derartige mächtige Organisatiou nicht zur Verfügung steht, so wäre es doch ein verhängnisvoller Fehler, tatenlos bei Seite zu stehen. Im Gegenteil: es gilt doppelte Kraftanstrengungen zu machen! Welche Stellung sollen wir im Wahlkampfe einnehmen? Eine allgemein gütige Richtschnur für unser Verhalten bei den mannigfachen komplizierten Parteiverhältnissen kann nicht gegeben werden. Wir bilden keine geschlossene politische Partei; vielmehr gehören unsere Glaubensgenossen den verschiedensten politischen Richtungen an. Der Centralverein hat es daher stets von sich gewiesen, sich mit irgend einer der bestehenden politischen Parteien zu identifizieren. Die eine Parole aber kann ohne Bedenken ausgegeben und muß unbedingt befolgt werden: wo immer ein antisemitischer Reichstagskandidat ausgestellt ist oder wird, soll er nach Kräften durch Agitation bekämpft werden. Dem Gegenkandidaten eines Antisemiten soll unsere Stimme gegeben werden, und zwar unter verschiedenen Gegenkandidaten im allgemeinen demjenigen, der sich zu unfern Forderungen am günstigsten stellt, dessen Persönlichkeit und Parteizugehörigkeit die größten Bürgschaften dafür bietet, daß er für Wahrung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung eintritt. Ueber das, was die Antisemiten bisher in den Parlamenten geleistet oder vielmehr nicht geleistet haben, gibt eine kürzlich erschienene Broschüre „Die Antisemiten im Reichstag" vortreffliche Auskunft"). Die kurzgefaßte, übersichtliche Schrift empfehlen wir auf das angelegentlichste, besonders denen, die für die Wahlkämpfe oder zur eigenen Orientierung einen Einblick in die klägliche parlamentarische Tätigkeit der antisemitischen Parteien und die oft noch klägircheren führenden Personen gewinnen wollen. Mit Zuhilfenahme dieser Schrift geben wir die in der bisherigen Wahlbewegung nominierten antisemitischen Kandidaturen wieder. Der bisherige Reichstag befaß 12 antisemitische Vertreter nebst dem Vater der antisemitischen Bewegung, dem christl. sozialen Hofprediger a. D. Stöcker. Von diesen 13 kandidieren 12 wieder (einer, Vogel, hat abgelehnt), nämlich: *) „Die Antisemiten im Reichstag". Berlin 1903: Verleger Kar! Kunde!. Auch durch unser Bureau, Karlstr. 26, für 15 Pfg. zu beziehen.