Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 3 (März 1903)
- Article
- Walther von Reichenau [Rezension]
- Date
- 1903-03-01
- Page
- 253 (sequence 2)
- Language
- German
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Bücherschau. 253 Andrerseits erinnere man sich beispielsweise an die Teilnahme der Juden bei der Hebung des Hamburger Handels im 16. und 17. Jahrhundert und ihre Beteiligung an jener großartigen Entwicklung von Deutschlands Handel und Industrie im 19. Jahrhunderts durch welche die politische Wiedergeburt Deutschlands erst möglich wurde, um von vielen nur diese wenigen Tatsachen hier zu erwähnen! Indessen würde man sich sehr täuschen, wenn man in der Erwartung, über derariiges Belehrung zu finden, das Buch Walther von Reichenaus ausschlagen würde. Es ist eine Hetzschrift schlimmster Art. Wie in tausend anderen dieser Pamphlete, in denen gewissenlose Personen den konsessionellen Frieden zu untergraben trachten, werden kritiklos den Juden alle Fehler und Laster, den Germanen alle Vorzüge und Tugenden zugeschrieben. Zum Beispiel sagt der Verfasser S. 7.: „So steht gegenüber der deutschen Eigenschaft Vaterlandsliebe und Freiheitsliebe die jüdische Vaterlandslosigkeit und feige Schmeichelei; der Grundehrlichkeit die Lüge und Falschheit; der Einfachheit der Sitten — die Eitelkeit, die Veräußerlichung (eie!) und innere Unsauberkeit; der strengsten — sittlichen Reinheit schließlich — die Gewissenlosigkeit und ausschweifendste Unsittlichkeit." Traurig, daß von Reichenau das biblische Gebot, welches doch auch ihm heilig sein sollte: »Du sollst kein falsches Zeugnis reden wider Deinen Nächsten" so schlecht befolgt. Sonst hätte er zum Beispiel nicht die Stirn gehabt, tausende von Juden, die nach „strengster sittlicher Reinheit" wenigstens streben, der „Gewissenlosigkeit und ausschweifendsten Unsittlichkeit" verleumderisch zu beschuldigen. Wirkt es aber nicht fast komisch, wenn von Reichenau in einer Zeit, in welcher auch der vergeßlichste Zeitungsleser sich noch an die schweren sittlichen Verirrungen eines Leuß, von Hammerstein und Wolf erinnert, die doch sämtlich Abstammungs-, Glaubens- und sogar Parteigenossen des Herrn von Reichenau sind, „strengste sittliche Reinheit", in der Tat ein Ideal aller guten Menschen, als, besonderes Charakteristikum gerade für sich und seinesgleichen in Anspruch nimmt«. Dieser . Mangel an Ueberlegung stimmt recht wenig zu der „germanischen gründlich gewissenhaften Langsamkeit", die von Reichenau seinerzeit der „semitischen Beweglichkeit und Oberflächlichkeit des Geistes" entgegenstellt. Von „gründlich gewissenhafter Langsamkeit" hat er bei Abfassung seiner Schrift, in welcher er „mit den Waffen der Gerechtigkeit und wissenschaftlichen Ruhe" (S. 1) zu kämpfen vorgiebt, überhaupt so wenig wie von den letztgenannten schönen Eigenschaften Gebrauch gemacht. Dreisten Muts nennt er