Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 3 (März 1903)
- Article
- C. L., Berlin
- Date
- 1903-03-01
- Page
- 247 (sequence 2)
- Language
- German
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Briefkasten der Redaktion. 247 nicht im Zweifel sein, daß damals wie heute die Aufreizungen gegen die Juden nur von geldbedürftigen Leuten herrührten, denen es hauptsächlich darauf ankam, sich des Besitzes einer wehrlosen Minderheit zu bemächtigen, daß damals wie heute leider die abergläubischen Neigungen ungebildeter Menschen diese böswilligen Versuche begünstigten. In der „Geschichte der Juden in Sachsen" von Alphonse Levy, Verlag von S. Calvary & Co. Berlin 1901, S. 19, heißt es über jene traurige „Weißenseer Affäre'': „In jener Zeit des wüstesten Aberglaubens, der tiefsten Unwissenheit, des Faustrechts und des müßigen Mönchtums, gegen welches erst später Wiklef, Hnß und Luther ihre Zeitgenossen aufriefen, bedurfte es keiner großen Anstrengung, um die leicht erregbaren Massen zu Freveltaten gegen hilflose Unglückliche aufzureizen. Das uralte, in allerneuester Zeit wieder mehrfach aufgefrischte Märchen des „Ritualmordes" bot dazu eine Handhabe; es verursachte im Jahre 1303 eine blutige Judenverfolgung irr Weißenfee. Iw September 1303 ging Landgraf Friedrich im Aufträge seines Vaters dorthin, um den daselbst angeblich von den Juden an dem Knaben Konrad verübten Mord zu untersuchen. Der gleichzeitige Presbyter Siegfried von Klein-Balnhausen (Monum. Germ, hist., Skript. XXV. 717) erzählt, die Juden hätten vor dem Passahfeste dem Schulknaben Konrad nach Oeffnung aller Adern alles Blut ausgepreßt und ihn grausam getötet. Ein andrer Beweis für die Schuld der Juden als die Wunder (die Juden seien nicht imstande gewesen, den Leichnam zu begraben u. s. w.) wird nicht angeführt. Eine richtige gerichtliche Untersuchung hat nicht stattgefunden; „wohl aber sind am 14. März die Juden' haufenweise getötet worden." Das Nürnberger Memorbuch hat die 120 Namen derselben aufbewahrt. (Salfeld 59. 215—217). Auch die Juden anderer Orte in Thüringen wurden von der damaligen Verfolgung getroffen. (Vergl. Oesterr. Wochenschrift 1899. Nr. 49, S. 929 f. Strack, H. L. „Das Blut im Glauben und Aberglauben der Menschheit". 1900, S. 143). Dasselbe wäre den Juden in Erfurt geschehen, hätte sie nicht ihr vieles Geld bei den Ratsherren und den übrigen Besseren der Stadt verteidigt. — So erzählt das „Petersberger Jahrbuch". (Die Landgrafen von Thüringen von Or. C. Polack (Gotha 1865, S. 284.)" — Wir leben in einer aufgeklärten Zeit aber auch heute dürfen es Leute wagen, durch Auffrischung mittelalterlicher Schauergeschichten und Benutzung der vor Jahrhunderten durch die Tortur erpreßten angeblichen Geständnisse als vermeintliche historische Dokumente unsere Religion zu beschimpfen und unsere verfassungsmäßig verbriefte Gleichberechtigung anzutastm. Daß