Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 3 (März 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-03-01
- Page
- 224 (sequence 10)
- Language
- German
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224 Fm deutschen Reich. Dienstbehörde veranlaßt hat, Herrn Berg zu einer verantwortlichen Vernehmung vorzuladen, ist uns unbekannt. Bei dem Tausch der antisemitischen Kandidatur in NeusteLtin gegen den Verzicht auf das Mandat in Friedeberg-Arnswalde scheint der frühere „Rektor aller Deutschen" Ahlwardt mit Herrn Bruhn ein sehr schlechtes Geschäft gemacht zu haben. In NeusteLtin ist nämlich der bisherige konservative Abg. Landrat a. D. v. Bonin-Bahrenbusch, der wegen seiner Abstimmung gegen den Mittellandkanal zur Disposition gestellt wurde, als Kandidat der Konservativen und des Bundes der Landwirte für Reichstag und Abgeordnetenhaus wiederausgestellt worden. Auch in andern Wahlkreisen zeigt sich die bemerkenswerte Erscheinung, daß die Konservativen angesichts des bevorstehenden Wahlkampfes zwischen sich und dem Bunde der Landwirte das Kriegsbeil begraben haben, um verschiedene von den reinen Antisemiten erstrebten Mandate zu retten. Im Wahlkreise Wetzlar-Altenkirchen stellt der Bund der Landwirte dem ihm wiederholt scharf entgegengetretenen antisemitischen Kandidaten Di*. Giese den Landrat Keiner- Wehrdorf entgegen. Auf die Bemerkung der „Deutsch-Sozialen Blätter", daß dies vorauszusehen gewesen sei, entgegnete die „Staatsbürger-Zeitung": „Unseres Wissens hat Dr. Giese sich gar nicht um die Unterstützung des Bundes der Landwirte beworben, es wird auch ohne den Bund gehen und vielleicht viel besser. Es ist immerhin erfreulich, wenn die Mitglieder einer Partei sich auf eigene Füße stellen und sich nicht von der Gnade einer wirtschaftlichen Gruppe abhängig machen; denn das führt schließlich zur Schwächung der eigenen Partei." Das ist eine politische Weisheit, welche die Antisemiten stets vergessen, wo sie die Möglichkeit vor sich sehen, mit Hilfe anderer Parteien in das Parlament zu schlüpfen. Deshalb scheint sich der Mandatshandel in Sachsen, Braunschweig und Hessen besonders zu entfalten, wo der Antisemitismus bei den seltsamsten Kompromissen als Bindemittel betrachtet zu werden pflegt. In Sachsen hat der Ausschuß der nationalliberalen Partei mit allen gegen eine Stimme beschlossen, das Kartell mit den Konservativen, Antisemiten und dem Bunde der Landwirte abzuschließen; doch soll sich dasselbe nur aus die Reichstagswahlen beschränken und für die im Herbst stattfindenden Landtagswahlen nicht bindend sein. Wenn die „Dresdener Nachrichten" das zweifelhafte Verdienst an diesem seltsamen Bündnis der „liberalen" sächsischen Nationalliberalen mit den Zimmermannschen Antisemiten „dem oft bewährten diplomatischen Talent und der unermüdlichen Arbeitskraft" des konservativen Präsidenten der II. Kammer, Geh. Hofrat Dr. Mehnert, zuschreiben, so ist