Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 3 (März 1903)
- Article
- Rückblick auf die zehnjährige Tätigkeit des "Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens"
- Date
- 1903-03-01
- Page
- 210 (sequence 14)
- Language
- German
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210 Im deutschen Reich. Lehrer der Ethik verlangt werden, daß die Juden sich vollständig mit den europäischen Nationen assimilieren müßten — wir brauchen nicht ohne Vorbehalt im deutschen Leben aufzugehen, wir sind Deutsche (Beifall). Aufgehen ohne Vorbehalt und Assimilieren ist nur der saubere Ausdruck für die perfide Taufe (Sehr richtig!) Zum Glück aber ist die Ethik dieser Herren nicht die Ethik, nicht die Ethik unserer deutschen Geistesheroen. Ich möchte dem Berliner Lehrer der Ethik die Ethik enkgegenhalten, die der größte unserer deutschen Geisteshelden, die Goethe gelehrt hat, wenn er sagt: „Ausdauern soll man da, wo uns mehr das Geschick als die Wahl hingestellt . . . Denn es bleibt freilich ein jeder, der die Religion verändert, mit einer Art von Makel bespritzt, von der es unmöglich erscheint, ihn zu reinigen." Deutsche sind wir in dem Sinne dieses deutschen Geistesheros, nicht in dem Sinne der Ahlwardt und Stöcker, auch nicht in dem Sinne von Treitschke und Paulsen und wie sonst die Koryphäen des wissenschaftlichen Antisemitismus heißen mögen (Beifall). Deutsche sind wir; denn nicht ist maßgebend die Form der Schädel, die Farbe der Haare, die Linie der Nase (Heiterkeit) und die Größe der Figur, sondern der energisch betätigte Wille, ein Deutscher zu sein. Und diesen Willen haben die Juden Deutschlands — das weiß Gott — mit genügender Energie betätigt. Ich erinnere Sie an den köstlichen Vortrag, der uns im Central-Derein vor wenigen Wochen über Sprache und Nationalität gehalten und nunmehr in der Festnummer unserer Zeitschrift abgedruckt worden ist. Schon im XI. und XII. Jahrhundert sind die Juden in Westdeutschland die Träger einergroßen deutsch-nationalen Kultur gewesen, zu einer Zeit als die Vorfahren manches modernen Teutonen noch Wenden und Obotriten gewesen sind (Beifall). Unter Mord und Brand sind die Juden aus Worms und den Städten des Rheins vertrieben worden, und, wie wir es gehört haben: als getreue Kinder eines unväterlichen Vaterlandes -haben sie die Sprache mitgenommen und bewahrt bis in die fernsten Lande und die jüngsten Zeiten. Abwehr verlangt Kenntnis und Treue. Wer das Judentum kennt, der wird dessen inne sein, daß man von ihm nicht abzurücken braucht, um seinem Vaterlande ein getreuer Sohn zu sein; der wird wissen, daß das Judentum seinen Bekennern gebietet, den König zu lieben, das Vaterland zu ehren und ihm in Treue anzuhängen (Beifall). Und da will man uns sagen, daß wir unser Judentum ohne Vorbehalt aufgeben sollen, um Deutsche zu werden. Nimmermehr! Wir sind Deutsche! Auf deutschem Boden sind wir geboren, auf deutschem Boden werden wir dereinst, so Gott will, begraben werden (Beifall).