Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 3 (März 1903)
- Article
- Rückblick auf die zehnjährige Tätigkeit des "Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens"
- Date
- 1903-03-01
- Page
- 203 (sequence 7)
- Language
- German
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Rückblick auf die zehnjährige Tätigkeit rc. 203 der jüdischen Gemeinden nicht für legitimiert erachte, Beschwerden vorzubringen. (Hört, hört!) Und was taten die Juden? Sie schwiegen! Sie hatten Schlimmeres erlebt, sie waren vom Geschick nicht verwöhnt; war doch ihre Jahrtausende alte Geschichte eine Geschichte voll Blut und Tränen! Deshalb schrieen sie nicht sofort, als sie getreten wurden; sie waren das Getretenwerden gewöhnt. Die erste Judenverfolgung nach der Emanzipation traf sie unvorbereitet, resigniert und, was noch schlimmer war, zum großen Teil indifferent. Um Gotteswillen nicht Staubaufwirbeln, nicht die Gegner provozieren, sagten die Einen, sonst würde es nur schlimmer werden! Geduld, Geduld, abwarten! Die Andern hielten es für geraten, von den Glaubensgenossen abzurücken; sie waren froh, wenn man sie für die wenigen anständigen Ausnahmen hielt (Heiterkeit). Andere glaubten, man müsse sich bessern und assimilieren, und sie besserten und assimilierten sich gründlich (Heiterkeit); sie verließen das Judentum und zersetzten das Christentum. War ihnen ja das Judentum, das sie nur dunkel aus den Tagen der Kindheit her kannten, ein inhaltloser Begriff! In den ruhmreichen Jahren der Aufklärung hatten sie soviel Neues gelernt und soviel Altes vergessen: Weg mit der Bürde! Es wurde Einem so leicht gemacht, sie los zu werden: man konnte die Export- Bonifikation des Staates einheimsen (Heiterkeit) und brauchte doch den Berkehr mit seinen lieben Glaubensgenossen nicht aufzugeben, denn die waren tolerant und aufgeklärt genug, an dem Uebertritt keinen Anstoß zu nehmen. Die Juden schwiegen, und die Bewegung wuchs. Im Dezember 1880 ward der schüchterne Versuch einer gemeinsamen Aktion gemacht. Auf Anregung des Professors Lazarus trat ein Komitee zusammen, das eine vornehme Reihe jüdischer Männer vereinigte und in den Dienst der Abwehr sich stellte. Ungefähr ein Jahrzehnt hat es bestanden und namentlich am Anfang seines Bestehens eine umfangreiche Tätigkeit in aller Stille entfaltet. An die breiten Massen des Judentums hat es sich nicht gewendet; öffentliche Versammlungen wurden, abgesehen von den ersten Monaten nicht abgehalten. Der Gedanke, daß Angriffe aus die Gesamtheit von der Gesammtheit abgewehrt werden müßten, hatte sich noch nicht durchgerungen. Die Mehrzahl der Juden glaubte immer noch, daß geduldige Bescheidenheit und zarte Zurückhaltung der Juden-Politik höchster Trumpf sei. Zehn Jahre später geschah der zweite Schritt einer-Abwehr-Tätigkeit, ausgegangen nicht von Juden, sondern von Christen. Unter dem Vorsitz von Gneist und Rickert wurde ein Verein gegründet, der Christen und Juden unlfaßte, Männer, welche es als ihre Pflicht erachteten,