Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-02-01
- Page
- 190 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316701-2316704--10743-2331121- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
190 Im deutschen Reich. urteile gegen das Judentum abzustreifen und jüdische Quellen zu studieren, dann würden sie erkennen, daß das Gleiche von der größten Mehrheit der 'im Neuen Testament so hassenswert dargestellten Pharisäer erstrebt worden ist, während nur eine verschwindende Minderheit derselben die Fehler aufwies, die nicht nur von den Evangelisten, sondern und zwar noch weit schärfer im Talmud selbst an den „falschen Pharisäern" gerügt werden. Die große Mission des Christentums, dem ethischen Kern der semitischen Offenbarung die weiteste Verbreitung innerhalb des Heidentums zu verschaffen, verdient vollständige Anerkennung; dadurch ist aber das Judentum weder minderwertig noch in vollendeter Weise ergänzt worden; seine Vollendung trug das Judentum von Anfang an in sich selbst, seine Mission ist bit in Jesaias Kap. 52 vorgezeichneie des stillen Duldero, der so vielfach für fremde Schuld büßt, es ist gerade durch sein Dulden fortwährender lebendiger Protest gegen die Gewalt, die man der reinen christlichen Urlehre antnt. Wo aber unsere heiligsten Güter verunglimpft werden, dürfen wir nicht schweigen, dann müssen wir im Namen der Wahrheit unsere Stimme erheben, die auch schließlich dnrchdringen wird, trotzdem wir die Wenigen inmitten der Vielen sind, denn „nicht durch die große Zahl nicht durch die äußere Macht, sondern durch Gottes Geist!" Nachdem lebhafter Beifall den Redner belohnt hatte, widmete ihm auch der Vorsitzende im Namen der vereinigten Gruppen Worte herzlichen Dankes und wies dabei hin, daß es der von dem Vortragenden erwähnten symbolischen Bedeutung des Satzes „Auge um Auge, Zahn um Zahn", garnicht bedürfe, da das „ins talionisdiesem allen Rechtssatz entspreche, der auch im germanischen Recht Geltung gehabt habe. — Im Namen des Central-Vrreins- Vorstands nahm dann Herr Br. Wiesenthal das Wort zu längeren Ausführungen, die lebhaften Beifall hervorriefen. An der weiteren, eine Fülle von Anregungen bietenden Debatte beteiligten sich die Herren Rechtsanwalt Br. Brodnitz, Zahnarzt Lipschitz und Kaufmann I. Lask, so daß es fast Mitternacht war, als der Vorsitzende, Herr Rechtsanwalt Rudolf Hahn, mit herzlichen Dankesworten die Versammlung schloß. Ueber den Verlauf der ordentlichen Mitglieder-Versammlung, welche am 19. d. M. im Saale des „Geselligen Vereins der Gesellschaft der Freunde" mit einem Vortrage des Herrn Justizrats Br. Heinrich Meyer Cohn über „die Rafsenfrage" abgehalten wurde, berichten wir in dem nächsten Hefte dieser Zeitschrift. A. L.