Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1903)
- Article
- Berlin
- Date
- 1903-02-01
- Page
- 169 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316701-2316704-2330995--10700-2331100- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Korrespondenzen. 169 Im Verlaufe einer sozialpolitischen Debatte am 12. d. M. im Deutschen Reichstage entledigte sich der ehemalige Hosprediger Stöcker zur größten Erheiterung seiner konservativen Gesinnungsgenossen wieder einmal seiner antisemitischen Galle. Er sagte: Der Abg. Wurm hat den unversöhnlichen Krieg zwischen Besitzenden und Besitzlosen erklärt. Er hat von Blutgier, Vampyrn ec. gesprochen. Das ist eine Sprache, unerhört nicht Llos unter Gebildeten, sondern auch unter Vernünftigen. (Sehr wahr! rechts.) So etwas kann nur sagen ein gehässiger Jude, der Deutschland nicht mag, oder ein Proletarier, der nichts kennt, als Haß gegen die Besitzenden." Daß die Juden, welche von manchem Antisemiten nur deshalb gehaßt werden, weil er sie für die „Besitzenden" hält, selbst Haß gegen die Besitzenden hegen, wird niemand glauben; daß sie Deutschland nicht mögen, ist auch neu. Daß es ihnen in Deutschland, den Antisemitismus abgerechnet, recht gut gefällt, ist doch gerade Herrn Stöcker unwillkommen. Wenn es wahr wäre, daß nur ein gehässiger Jude von Blutgier, Vampvrn usw. sprechen könnte, dann müßte Gras Pückler, dessen Lieblingsausdrücke so lauten, ein gehässiger Jude sein, was doch nicht recht wahrscheinlich ist. Da sich der „Wurm zu krümmen" pflegt, wenn er getreten wird, mußte dieser widersinnige Wutausbruch Herrn Stöcker übel bekommen. Schon in der nächsten Sitzung hat ein Parteigenosse Wurms, der Abg. Pöus dem früheren Hofprediger den Test gründlich gelesen. Im deutschen Reichstage erheiterte der antisemitische Abgeordnete Ahlwardt die Sozialdemokraten dadurch, daß er den Versuch machte, ihrer Autorität Marx das Verständnis für alle nationalökonomischen Begriffe abzusprechen, und schließlich alles Heil in der Verstaatlichung des Getreidehandels und der Reichsbank suchte. In derselben Sitzung zog sich der sozialdemokratische Abg. Albrecht einen Ordnungsruf zu, weil er im Lause seiner Rede versicherte, daß seine Partei niemals den Abg. Stöcker als Genossen aufnehmen würde, „weil er es mit der Wahrheit nicht immer so genau nehme". Die national-soziale Zeitschrift „Die Zeit" bringt unter der Ueberschrist „Jude'nriecherei" nachstehende Aeußerung: ,,Cohu, Katz, Guttmann, diese drei Namen hat die Korrespondenz des Bundes der Landwirte in der Rubrik „Unsere Bewegung" in der „Hilfe" gefunden. Das genügt ihr, um die totale Verjudung der Nationalsozialen festzustellen und mit einem kühnen logischen Sprunge daraus die Notwendigkeit unseres Uebertrittes zur Sozialdemokratie herzuleiteu. Wenn mau Pech hat. Der Schein trügt manchmal wirklich. 'Ebenso wie die von den Antisemiten fast stets zu Juden gestempelten Sozial-