Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1903)
- Article
- Die kaufmännische Ehre bei den Juden
- Date
- 1903-02-01
- Page
- 148 (sequence 20)
- Language
- German
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Im deutschen Reich- 148 chassidim („Buch der Frommen" von Rabbi Juda b. Samuel aus Regensburg) lesen wir: „In dem Verkehr mit Nichtjuden befleißige Dich derselben Redlichkeit wie mit Juden, mache den Nichtjuden auf seinen Irrtum aufmerksam." „Holt sich der Nichtjude bei Dir Rat, so sage ihm, wer an dem Ort, wohin er sich begibt, des Kredites und Vertrauens unwürdig ist." (Vgl. Sch. aruk Or. ch. 347 Magen Abraham 4.) Die Moral als Schranke des Rechtserwerbes und der Rechtsausübung haben ein hervorragender Österreichischer Jurist, Senats- Präsident Dr. Emil Steinbach, und ein schweizerischer Rechtslehrer, Professor Philipp Lotmar in Bern, in jüngster Zeit in besonders interessanten Schriften behandelt. Sie glauben, diese Frage zum erstenmale angeschnitten zu haben. Wir haben gesehen, schon der Talmud enthält hierüber zahlreiche und sehr wertvolle Materialien. Und nun zum Schluß nur noch eine kleine Geschichte. Der Talmud erzählt uns: R. Schimwn b. Jochai war einst bei einem reichen Freund zu Gaste und wunderte sich über die Genauigkeit, mit der der Reiche seinen Hausstand führte. Er gibt seinem Befremden darüber Ausdruck, und der Freund erklärt ihm sein Verhalten. „Euch, Meister, verschafft Euer Wissen die Achtung der Welt, aber wir Kaufleute gelten nur, wenn wir Geld haben." Und dieses Wort hat die Geschichte als Losung unserem Volke geradezu aufgezwungen. Der Jude hat immer nur gegolten, wenn er Geld besaß. Und daß er trotzdem bei allem äußeren Zwange, Geld und viel Geld zu erwerben, daß er aus allen unsäglichen Kämpfen und Mühen den Schild seiner kaufmännischen Ehre so rein und spiegelblank gerettet hat, das sichert dem jüdischen Kaufmann einen Ehrenpatz in dem Ruhmestempel der gesamten Menschheit. In dem kabbalistisch-chafsidischen Sefer hamiddot von einem Schüler und Enkel des bekannten Israel Bescht findet sich ein Wort, welches des größten Kulturhistorikers würdig ist: Ka-Zoelmr ha-gadol schebahr hu ha-ner schebaur „Ein Großkau smann in einer Stadt ist ein Licht in der Stadt". Was das bedeuten soll, ist klar. Der Kauftnann ist der natürlichste Förderer der Aufklärung, notgedrungen ein eifriger Träger der Bildung. Allen Schwingungen und Schwankungen der Zeit unterworfen, den sozialen Wandlungen und den veränderten Lebensrichtungen am meisten ausgesetzt, wird er von seinem Berufe gedrängt, auf alle Forderungen der Zeit zu achten, eintretende Veränderungen in der Gesellschaft zu berücksichtigen, von allen Vorurteilen sich loszureißen. Sein Blick ist frei, sein Gesichtskreis weit, sein Urteil