Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- Berlin
- Date
- 1903-01-01
- Page
- 85 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316701-2316703-2330763--10545-2330925- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ftortejponDenjei! 85 der „christlich-sozialen Arbeiterpartei" gab, die dann später ihren Namen, vor einer Reihe von Jahren auch ihr Programm änderte, v. Stöcker, der sich eben hatte photographieren lassen müssen, hielt die Festrede. Stöcker blickte dabei zurück. „Was ist erreicht worden? Sie können sich wohl denken, daß mir in dieser Stunde ganz bescheiden zu Mute ist. Aber das dürfen wir doch sagen: in praktischer, volkstümlicher Politik haben wir zuerst versucht, die berechtigten Forderungen der Arbeiterwelt auszusprechen und hinzustellen. Die Kaiserliche Botschaft hat es dann klar und majestätisch getan. Aber das Abc Zu dieser Urschrift haben wir doch gesetzt. Dann kam der Kampf auch gegen den falschen Liberalismus; und der Kampf gegen das Judentum wird nicht mehr zur Ruhe kommen. Dies erfüllt uns mit hohem Stolze. (Stürm. Beifall.) So haben wir nicht umsonst gelebt in den 25 Jahren, wenn wir auch als Partei nicht viel erreicht haben. In den letzten Monaten, als die beiden Reichstagsjuden den Reichstag und das Volk so zum Besten hatten, hat vielleicht doch mancher gedacht: es ist doch schade, daß man die Berliner Bewegung so hat im märkischen Sande verlaufen lassen". Unter stürmischem Beifalle schloß Stöcker: „Darum vermachen wir in unserm ersten Vierteljahrhundert die Hoffnung aus unsere Siege dem zweiten". Nun folgte eine Reihe von Beglückwünschungen konservativer, antisemitischer, christlich-sozialer, kirchlicher Vereine und Gruppen. Einen Tag nach dem Jubiläum sollte der schon wiederholt verlegte Stöcker-Prozeß gegen den Redakteur des sozialdemokratischen „Ostpr. Landboten", Gustav Noske, vor dem Landgericht zu Königsberg i. Pr. endlich zur Verhandlung kommen. Der Reichstagsabg. Recktsanwalt Haase hatte früher als Verteidiger Noskes unter Beweis gestellt, daß Stöcker in der Affäre Ewald und in einem Prozeß gegen den Redakteur Bäcker in Berlin unter Eid die Unwahrheit gesagt habe. Rechtsanwalt Haase stellte jetzt folgenden Beweisantrag: Am 22. November 1880 habe Stöcker im Reichstag, als er die „Notabeln-Erklärung" besprach, gesagt, ein großer Teil der Unterzeichner habe selbst den „Hexentanz um das goldene Kalb mitgemacht". Am 10. Dezember 1880 habe Stöcker, nachdem er die Nennung von Namen verweigert, „um die Betreffenden nicht zu kompromittieren", erklärt, mit seiner ersten Aeußerung keine schuldhafte Beteiligung gemeint zu haben. Diese Ausrede habe dann Stöcker in dem Beleidiguugsprozeß contra Bäcker unter seinem Eide aufrecht erhalten, und das Berliner Landgericht darauf im Urteil ausgeführt, Stöcker habe wissentlich Unwahres mit seinem Eide erhärtet. Das Gericht beschloß, die Verhandlung wiederum zu vertagen. Die Verlesung des Urteils gegen Bäcker hielt das Gericht