Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-12-01
- Page
- 685 (sequence 12)
- Language
- German
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Umschau. (585 solcher fremden Staaten auszuschließen, die ihre Verträge nicht einhielten. Daß ein Jude die Würde eines Lord-Mayors von London erlangt bat, ist wohl schon früher vorgekommen, aber die Art, wie Sir Marcus Samuel im Namen der englischen Regierung bei der Uebernahme seines Amtes von dem Lord-Kanzler begrüßt wurde, zeigte diesmal deutlich, daß England nicht gesonnen ist, die Wucherpflanze des Antisemitismus aufkommen zu lassen oder ihr Aufkommen irgendwo zu fördern. Der Lord-Kanzler sagte: „Es ehrt Sie und unser Land, daß Sie ein Angehöriger einer Gemeinschaft sind, die in andern Ländern Gegenstand ungerechter und grausamer Verfolgung ist. In unserer Nation sind Sie deshalb willkommen, weil Sie der Gemeinschaft an* gehören, deren Angehörige sich in jedem Staate, in dem sie leben, als treue Unterthanen erweisen. Sowohl Sie können wie unser Volk,kann stolz darauf sein, daß hier unter allen Umständen jedem der rechte Grundsatz der Freiheit und des Rechts gewahrt bleibt, in seinem Vaterlande die ihm eigene Form der Religion geachtet und geehrt zu sehen." Selbst viele derjenigen deutschen Staatsbürger, die mit der auswärtigen englischen Politik nichts weniger als einverstanden sind, werden dennoch solchen Grundsätzen der inneren englischen Politik ihren Beifall nicht versagen. Vielleicht ist es gerade die Erkenntnis von der weltbesiegenden Macht dieser freiheitlichen Gedanken, welche die deutschen Judenfeinde mehr gegen die „Engländerei" aufreizt als das Trauerspiel in Südafrika. Bei dem letzten Besuch unseres Kaisers in England hielt in der Kirche von Sandringham vor dem hohen' Gast des britischen Monarchen und Zahlreichen Mitgliedern des englischen Hofes der Bischof von Ripon eine Predigt, in der er der Hoffnung auf eine Zeit Ausdruck verlieh, in welcher jeder Raffenunterschicd zurücktreten und die Menschheit eine einzige briiderliche Gemeinschaft bilden würde. Die ganze Predigt athmet nicht nur einen Geist edler Humanität, sie stand auch im schroffsten Widerspruch mit der von falschen Propheten durch eine bestechende Rhetorik gerade in neuester Zeit weit verbreiteten Rasjentheorie, die vor der Kritik echter Wissenschaft niemals bestehen kann und noch weniger vereinbar ist mit den Grundsätzen der Sittlichkeit und Religion. Weil dem so ist, deshalb dürfen auch wir mit voller Zuversicht auf eine Zeit rechnen, in der die falschen Propheten des Raffen- und Klaffenhasses verschwinden, die Raffenunterschiede vernichtet werden und die ganze Menschheit eine einzige Bruderkette bilden wird. A. L.