Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1902-11-01 · Heft 11 (November 1902) · p. 646

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
8 (1902)
Issue
Heft 11 (November 1902)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1902-11-01
Page
646 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2316602-2316689-2316699--10268-2330541
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

tM Im deutschen Reich. werthvollen Forschungen schilderte nun der Vortragende in überaus stimmungsvoller Weise den Lebensgang des Mannes, dessen Charakterbild seit länger als einundeinhalb Jahrhunderten in der Geschichte Württembergs geschwankt hat, eines Mannes, dem in der Hauptsache nur die Verfehlung nachzuweisen ist, ein allzuwilliges Werkzeug seines herzoglichen Herrn gewesen zu sein, der aber auch als solches nicht im Leben und im Tode von so furchtbarem Haß verfolgt worden wäre, wenn nicht das Volk das Verhältnis zwischen dem Fürsten und seinem Diener in einem von Aberglauben und religiösen Vorurtheil getrübten Lichte gesehen hätte. Die von dem Redner mit feinem Humor in das rechte Licht gestellten finanziellen Machenschaften (Abolitionen, Gratiale u. s. w.), für welche der jüdische Ralhgeber dev stets geldbedülstigen Herzogs Karl Alexander von Württemberg die Verantwortung auf sich nehmen mußte, ohne dieselben geplant, oder auch nur gebilligt zu haben, erweckten vorübergehend Heiterkeit. Dann aber fühlte die Zuhörerschaft sich tief ergriffen von dem tragischen Schicksal des Glaubensgenoffen, der nach dem Tode seines fürstlichen Gönners für alles büßen mußte, was unter dessen Regiment das württembergifche Volk bedrückt und die lutherischen Stände gegen den katholischen Herrscher und deffen gefügigen jüdischen Günstling erbittert hatte, besonders aber büßen mußte für die schweren Verschuldungen zahlreicher Beamten, die schließlich mit einer lächerlich gelinden Strafe fortkamen. Die Art, wie der dem verhafteten jüdischen Finanzmann gestellte christliche Vertheidiger, der seinem ihm aufgedrängtcn Klienten erst mit Mißtrauen entgcgcnkam, sich schließlich für dessen Sache erwärmte, die Ruhe, mit welcher Oppenheimer eine harte Gefangenschaft ertrug, die Klarheit, mit der er 1050 Fragen der Jnquisiteure beantwortete, die Charakterfestigkeit, mit der er allen Bekchrungsversuchen widerstand, besonders aber die fromme Ergebenheit, mit der er zuletzt einer schimpflichen Hinrichtung entgegeuging — dies alles zeugt dafür, daß der so viel gehaßte und gelästerte „Jud Süß" kein Verbrecher und Verführer, sondern nur ein zu dienstwilliges Werkzeug seines fürstlichen Gönners war. Diesem treu zu dienen, war seine Pflicht, aber gerade als Jude hätte er der Fürstengunst nicht das ewige Sittengesetz opfern, nie feinen Namen und seine Hand zu Handlungen hcrgeben dürfen, die er als mit dem Volkswohl unvereinbar erkennen mußte und nach gewissenhaften jüdischen Anschauungen nicht verantworten konnte! — Langanhaltender Beifall folgte diesen Ausführungen, die hier nur in gedrängter Kürze wiedergegeben werden, weil wir hoffen, nach einiger Zeit in dieser Zeitschrift den ganzen Vortrag veröffentlichen zu können.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.