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Im deutschen Reich · 1902-11-01 · Heft 11 (November 1902) · p. 605

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
8 (1902)
Issue
Heft 11 (November 1902)
Article
Professor H. Steinthal
Date
1902-11-01
Page
605 (sequence 2)
Language
German
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Professor H. Sleintha! tz05 Israels inmitten der uns verkennenden und verketzernden Welt. Und davon, was er uns gewesen, sollen die folgenden Blätter zeugen, die Steinthal als deutschen Gelehrten und als deutschen Juden darstellen sollen. Sie sind der schlichte Eichenkranz, welchen der Schüler in dankbarem Gedenken auf das Grab des Meisters niederlegt. Den Lcrbeerkranz seines unsterblichen Ruhmes mag ihm ein Besserer und Tüchtigerer winden. Steinthal ist aus der im Anfänge des 19. Jahrhunderts blühenden Schute deutscher Idealisten hervorgegangen, welche getreu dem altklassischen Grundsatz: „Was menschlich ist, ist mir verwandt" sich eine möglichst umsaffende Bildung auf allen Gebieten menschlichen Fuhlens und Forschens aneigneten, eine Bildung, in deren Mittelpunkt philologische Studien im edlen Sinne August Boekhs und Wilhelms von Humboldt standen. Gehört Steinthal seiner sittlichen und seelischen Bildung nach zu dem Kreise dieser Idealisten, so ist er in seiner wissenschaftlichen Thätigkeit durchaus Empiriker. Er erwirbt sich als Jüngling eine selten gründliche philologische und philosophische Bildung, j)is er die allgemeine Sprachwiffenschaft und Mythologie zu feinem Fachstudium macht. Das letztere führt ihn zu umfassenden Forschungen auf dem Gebiete der völkerpsychologifchen Anthropologie. So schafft er auf dem Gebiete der allgemeinen Sprachwissenschaft den Ausgleich zwischen dem alten Idealismus und moderner erfahrungsgemäß^ Wissenschaft. Aus der harmonischen Verbindung beider entsteht als das Endergebnis eines edlen Geisteslebens seine streng ideale und zugleich streng erfahrungsgemäße Ethik. Je nach dem Vorwiegen des idealistischen oder des empirischen Elements in seiner wissenschaftlichen Thätigkeit beschäftigen ihn nebenbei schöngeistige oder religionswissenschaftliche Forschungen. Dabei bethätigt er rege Antheilnahme an allen politischen, sozialen und litterarischen Bestrebungen der Gegenwart, vor allem lebhaftes Interesse für alle Fragen des Judenthums, zumal von der Zeit an, da er an der 1872 begründeten Berliner „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums" Vorlesungen hält. Trotz dieser Vielseitigkeit seines Geistesftrebens giebt es kaum ein einheitlicheres Leben als das seine. Mit einem Geiste, der zugleich in die Weite wie in die Tiefe strebt, gewöhnt, auch das Klein st^ von großen Gesichtspunkten aus zu betrachten, das Einzelne im inneren Zusammenhang mit dem Allgemeinen zu erfassen, tritt er an seine Wissenjchaft heran. Ein warmherziger Hauch des Persönlichen und der kräftige Odem einer gesunden Ueberzeugung weht durch Steinthals Schriften.

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