Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- Die Gedichte der Bibel [Rezension]
- Date
- 1902-10-01
- Page
- 596 (sequence 2)
- Language
- German
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596 Hm deutschen Reich. Und doch läßt es sich kaum bezweifeln, daß eine eingehende Kenntuiß der wunderbaren Schicksale unseres Stammes, seiner weltgeschichtlichen Bedeutung, der unendlichen Segensströme, die von ihm aus die gesummte Menschheit ausgegangen sind, daß eine innige Vertrautheit mit den Hauptwerken seines überreichen Schriftthums, insbesondere mit der Bibel, nicht wenig dazu beitragen wurde, die liebevolle Anhänglichkeit an den väterlichen Glauben in unserer Mitte neu zu beleben, berechtigtes Selbstbewußtsein zu erzeugen und würdige, achtunggebietende Haltung zu verleihen. Das „Buch der Bücher"! Zwar hört man oft auch aus christlichen Kreisen die Klage ertönen, daß die Bibel, dieses edelste Volksbuch, immer mehr aus den Häusern verdrängt werde; aber ist es nicht noch unendlich beschämender für uns, daß wir das „Erbtheil der Gemeinde Jakobs" vernachlässigen? Um so dankbarer ist jede Arbeit, wie die vorliegende, zu begrüßen, die sich zur Aufgabe stellt, diesen köstlichen Schatz in unseren Familien wieder heimisch zu machen und „das Herz der Kinder zu den Vätern zurückzuführen." Herr Klausner, als hervorragender Publizist bekannt, hat sich mit der Uebertragung der „Gedichte der Bibel" eine schwierige Aufgabe gestellt, aber er hat seine Kraft nicht überschätzt. Verständiger Weise giebt er nicht eine wörtliche Uebersetzung, bei welcher der der hebräischen Poesie eigenthümliche Parallelismus zwar seiner äußeren Form nach gewahrt werden kann, aber die treffende Kürze und der dadurch erzeugte harmonische Tonfall meist unnachahmbar sind; vielmehr macht er alle Ausdruckomittel der modernen Dichtkunst seinem Zweck dienstbar und verbindet mit der sicheren, künstlerischen Beherrschung derselben außerordentliche Sprachgewandtheit und selbstschöpferische poetische Kraft. So bietet er uns das Hohelied, das Klagelied (sie!), den Psalter und das Buch Hiob — die Sprüche Salomo's und Koheleth werden wohl folgen — in freien Uebertragungen, die nicht selten den Charakter von Nachdichtungen annehmen, stets aber die kraftvolle Empfindung und religiöse Innigkeit des Originals widerjpiegeln. Wir wollen deshalb mit dem Verfasier nicht darüber rechten, daß mancher Psalm an Umfang fast verdoppelt erscheint, andererseits hier und da ein Vers des Urtextes unberücksichtigt geblieben ist, sondern zum Schluffe lieber konstatieren, daß auf die Ausstattung, um deren künstlerische Ausgestaltung sich Judith Klausner verdient gemacht hat, ganz besondere Sorgfalt derwendet ist, worauf umsomehr hingewiesen sei, als das Buch — auch für unsere Verhältnisse charakteristisch — im Kommissionsverlage erschienen ist. Möchte dem Verfasser, der uns „goldene Aepfel in silbernen Schalen" reicht, die verdiente Anerkennung nicht ausbleiben,