Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- Houston Stewart Chamberlain [Rezension]
- Date
- 1902-10-01
- Page
- 595 (sequence 3)
- Language
- German
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Bücherschau. 595 „Zu dem Besuche eines Irrenhauses sagt ein Insasse: Nicht wahr, der Mann, der eben mit Ihnen gesprochen hat, hält sich für den Kaiser von China? Der Ker! ist natürlich verrückt, ich weiß es ganz genau, ich bin ja selbst der Kaiser von China." Wie es leider trotz der Schriften eines Pohlmann, Winter und Graf Coudenhove auch unter unseren Glaubensgenossen noch Leute giebt, die meinen, in den antisemitischen Anklagen sei doch mindestens etwas wahr, so können auch unter den jüdischen Lesern Chamberlains manche durch die Arroganz, mit der er seine Behauptungen aufstellt, und durch die Flut unzutreffender Citate, die er ihnen beigiebt, getäuscht, selbst glauben, daß die Angehörigen unserer Gemeinschaft, weil „aus Mischung ungleicher Bestandtheile hervorgegangen", eine kulturell minderwerthige Rasse seien. Solchen Lesern sei die Lektüre der vorliegenden kleinen Schrift auf's Wärmste empfohlen. Zugleich sei als Beweis dafür, daß das Urtheil unseres Glaubensgenossen H. C. nicht etwa lediglich als Reflex von Chamberlains Verleumdungen gegen die Juden anzusehen ist, diesem Urtheile dasjenige eines competenten christlichen Gelehrten zur Seite gestellt. Dieser, übrigens auch blondhaarige und blauäugige Gelehrte, Herr Profeffor Heldmann, sagt, ungerührt durch die albernen Schmeicheleien, welche Chamberlain den Blondhaarigen an den Kopf wirft, „Chamberlains Rassethcorie hat in Driesmann einen noch unwissenschaftlicheren Vertreter gefunden. Man sollte sich dieser chauvinistischen Rassephantasien, denen keinerlei exakter Beweis zur Seite steht, nachgerade entschlagen." (Jahresberichte der Geschichtswissenschaft 11)00, FI, 300). C. G. Die Gedichte der Bibel. In deutscher Sprache von M. A. Klausner. Mit Buchschmuck von Judith Klausner. Berlin NW., Kommissionsverlag von S. Calvarv & Co. 1902. Unter den Ursachen für den oft beobachteten Mangel an kräftigem Selbstbewuhtsein und aufrechter Haltung innerhalb unserer Glaubensgemeinschaft ist in erster Reihe die geringe Bekanntschaft mit der jüdischen Geschichte und Literatur zu nennen. Gerade bei unseren „Gebildeten" geht die Kenntniß auf diesen Wissensgebieten in der Regel nicht über einige dunkle Erinnerungen aus der Schulzeit hinaus; und während sie sonst ängstlich bestrebt sind, sich überall den Schein des Wissens zu geben und mit den literarischen Erzeugnissen auch der entlegensten Völker Vertrautheit zu heucheln, kann man oft die verstimmende Wahrnehmung machen, daß sie mit ihrer Unwissenheit in allem, was das Judenthum betrifft, förmlich kokettieren.