Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- Die bayerischen Parlamentarier jüdischen Glaubens
- Date
- 1902-10-01
- Page
- 554 (sequence 6)
- Language
- German
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554 Im deutschen Reich. Israeliten geradezu ein abscheuliches Zerrbild gezeigt haben. Das Recht des letzten Nachtwächters im Lande und das untergeordneteste Kirchturmsintereffe findet einen Vertreter und Fürsprecher im Landtage, das Judenthum aber saß auf der Anklagebank und hatte keinen Vertheidiger. Vielleicht in keinem Lande mehr als in Bayern haben sich die Juden der von ihnen erkämpften und errungenen Emancipationsrechte würdig gezeigt. In den Städten dürfen sie sich rühmen, in einem zu ihrer Anzahl in gar keinem Verhältniß stehenden Maße beigetragen zu haben zum Aufblühen der Industrie und des Handels, und der Landjude, dessen Vorfahren seit einem Jahrtausend auf der' Scholle gesessen, unterscheidet sich, abgesehen von seiner Religion, kaum von seinem christlichen Nachbar, mit welchem er durchaus auf dem Fuße der Gleichheit und Freundschaft im Verkehr steht. Von einer gegen die Juden gerichteten Mißstimmung der Bevölkerung war, außer in gewissen Zeitungen, die das Hetzen als Geschäft und Gewerbe betreiben, nirgends ein Hauch zu verspüren und noch bis in die letzte Zeit hinein wiegten sich die Israeliten in der Illusion, daß es in Bayern, wo König Ludwig einst dem frommen Hofprediger und Apostel des Judenhasses das Reden und Agitieren durch sein Machtwort unmöglich machte, keinen Antisemitismus giebt und geben werde. Um so schmerzlicher war die Enttäuschung, welche den bayer. Israeliten durch die erwähnte Judendebatte vom 28. und 29. November bereitet wurde, und um so größer ist die Sorge, welche sie mit allen Vaterlandsfreunden vereinigt gegenüber den dunkeln Mächten, die im Süden wie im Norden am Werke sind, um die Grundrechte der Verfassungsstaaten bezüglich der Juden einer Revision im Geiste des Mittelalters zu unterziehen. Man beruft sich dabei auf die Stimmung der Bevölkerung. Aber diese Stimmung der Bevölkerung, wenn sie vorhanden, ist ein Kunstprodukt und nicht eine Naturerscheinung. Und man vergesse doch nicht, daß man mit der Rücksichtnahme auf die Stimmung der Bevölkerung sich auf eine schiefe Ebene und abschüssige Bahn begiebt. In Unterfranken ist vielleicht die Stimmung der Bevölkerung gegen die Juden, in Oberbayern ist vielleicht die Stimmung der Bevölkerung gegen die Protestanten. Gestern hat man die Entdeckung gemacht, daß es zuviele Richter jüd. Confession giebt, morgen wird man die Entdeckung machen, daß es zuviele Rechtsanwälte jüdischer Confession giebt. Endlich wird ein Dr. Heim der Zukunft die Entdeckung machen, daß es zuviele Schüler und zuviele Studenten jüd. Confession giebt, und wird, um das Uebel an der Wurzel abzuschneiden, den