Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Article
- Impressionen [Rezension]
- Date
- 1902-09-01
- Page
- 528 (sequence 2)
- Language
- German
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528 Im deutschen Reich. zum Stierkampf ein Billet bekommen hat, obgleich der Hotel-Kellner ihm eine Viertelstunde vorher gesagt hatte, die Bllletö seien seit drei Tagen bereits vergriffen! Will er uns die Eindrücke mittheilen, welche die spanische Kunst auf ihn gemacht, so weiß er nichts Wichtigeres zu melden, als daß die Bilder im Museum zu Madrid schlecht aufgehängt sind! Reisende dieser Art, welche von Italien nur zu constatieren wissen, daß der deutsche Tannenwald schöner ist als staubige italienische Straßen, sind in Hehn's glänzendem Buche über Italien im Vorworte gebührend gekennzeichnet worden. Reiseeindrücke, wie sie Herr Rathenau veröffentlicht, hat jeder gelegentlich einmal in fremden Landen; bei Anderen haften bleibend nur die wirklich großen und interessanten Eindrücke. Derartige Impressionen, wie sie Herr Rathenau veröffentlicht, publicieren nur Bnchholz. naturen. Freilich mag Herr Rathenau auch in den köstlichen Stinde-. schen Werken den Humor nicht entdeckt und alles ernst genommen haben! Wir sehen aus obigen Proben, wie wenig tief empfunden die Eindrücke des Herrn Rathenau sind, wie wenig Interesse sie für die Allgemeinheit, an welche sich eine Druckschrift wendet, haben können und fragen uns deshalb zunächst vergeblich, weshalb ist die Schrift verfaßt und publiciert worden? Und doch ist die Antwort nicht allzu schwer. Vor einer Reihe von Jahren begann in Deutschland eine literarische Umwälzung. Eine Reihe junger Schriftsteller glaubte sich berufen, die klassische Poesie zu verdrängen und eine neue Aera der Literatur zu begründen. Wie bei jeder Umwälzung, barg dieselbe Schale neben manchem guten Kern auch viele faule Stellen und gar Mancher, der auf literarischem Gebiete zunächst nichts weiter geleistet hatte, als daß in der Schule seine deutschen Aufsätze gut censiert worden waren, meinte, daß ein glänzender Stil über die Kargheit des Inhalts zu täuschen vermöge. Mancher auch glaubte, daß aphoristische Sätze den Leser, der größer sei, als der Schriftsteller, veranlagten, selbst einen gehaltreichen Gedanken an die Stelle des Gedankenstriches zu sehen, und Andere wiederum, die weder berufen, noch auserwählt waren, waren der Auffassung, daß hinter jedem Satze, wenn er nur paradox klingt, von vielen Leuten Geist vermuthet werde. So haben wir denn neben vielen werthvollen Erzeugnissen der neueren Literatur eine Fülle von Werken zu verzeichnen, bei denen der Autor seine Originalität im Wesentlichen darin bewies, daß er lediglich etwas Anderes sagte, als alle anderen vernünftigen Menschen im gleichen Falle gesagt haben würden. Und es läßt sich nicht leugnen, daß auch solche Schriftsteller des Paradoxen