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Im deutschen Reich · 1902-09-01 · Heft 9 (September 1902) · p. 475

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
8 (1902)
Issue
Heft 9 (September 1902)
Article
Antisemitismus und Wissenschaft
Date
1902-09-01
Page
475 (sequence 3)
Language
German
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Antisemitismus und Wissenschaft. 475 Grund aufzuspüren, den Juden zukommende Rechte zu versagen und bereits gewährte zu entziehen, als daß man sie einer Menschengattung zuweist, die physisch und psychisch niedriger steht als die übrige Landesbevölkerung. Im Anschluß an eine von Ernest Renan 1869 entworfene Charakteristik der Semiten entwickelte sich als Lieblingsidee der antisemitischen Gelehrsamkeit die antisemitische Rassentheorie. Allerdings ist die gesummte Raffentheorie längst als ein Erzeugniß der Studierstube aufgegeben. Aber selbst die Richtigkeit dieser Theorie zugegeben, ist es eine Thatsache, daß von einer Raffenreinheit der Juden garnicbt die Rede sein kann, da eine fortdauernde Blutmischung mit den eingeborenen Kanaanitern bereits in Palästina, eine fernere mit babylonischen Elementen während des sogenannten babylonischen Exils stattgefunden hat. Indogermanisches Blut wurde dem Judenthum durch seine Proselyten vor allem im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung zugeführt, tartarifchcs durch den Uebertritt der Chazaren zum Judenthum im 8. Jahrhundert. Diese Blutmischung dauert ununterbrochen bis in die Neuzeit fort. Dr. Felix von Luschan erklärt geradezu, daß mehr als die Hälfte der heutigen Juden keine Spur der physischen Eigenschaften der Semiten besitzt, und Rudolf Virchow hat diese Thatsuche bestätigt. Von einem Raffencharakter der Juden kann aber über- Haupt nur jemand svrechen, der keine Ahnung von der Charakterverschiedenheit der Juden in den einzelnen Erdtheilen hat. Der niedrigste jüdische Arbeiter im Hafen von Salonichi steht hoch über manchem Wiener oder Pariser Börsenbaron. Ein galizianischer Torfjude, ein südrussiicher Bauernjude und ein arabischer Wüstenjude haben außer ihrer religiösen Ueberzeugung kaum einen gemeinsamen Charakterzug. Die These vom semitischen Raffencharakter ist ganz allgemein betrachtet nur eine Ausgeburt einer antisemitisch angekränkelten Phantasie. Der Charakter einer Gemeinschaft ist das Produkt geographischer und klimatischer, vor allem aber wirthschaftlicher Verhältniffe, in denen die Gemeinschaft lebt. Geschichtliche Beziehungen und das Zusammenleben mit anderen Gemeinschaften beeinflussen ihn. Sollten sich bei den jüdischen Bürgern Deutschlands bestimmte Charakterzüge Nachweisen laffen, so waren sie aus der Geschichte Deutschlands zu erklären. Wenn es unter uns solche giebt, die sich alles bieten laffen, die geduldia lächeln, wenn man sie beschimpft, so ist das nicht raffenjüdisch (ein arabischer Jude würde sich das nicht bieten laffen!). sondern ein Ergebnis der plangemäßen Verängstigung und der langen Erniedrigung der Juden in Deutschland. Daß wir der Mehrzahl nach Kaufleute sind und zum Beispiel nicht Militärs, erklärt sich nicht etwa dm aus, daß die angebliche jüdische Raffe zum Kriegsdienst untauglich ist, (in Frankreich betleiden Juden die höchsten

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