Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 8 (August 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-08-01
- Page
- 432 (sequence 2)
- Language
- German
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W2 3m deutschen Reich. trotz Verfassung lmd Gesetz bis jetzt noch eine unvollkommene ist, niemals mit Vorkommnissen einverstanden war, durch welche andere Minderheiten in Deutschland sich beeinträchtigt fühlten, niemals die eigene Stellung dadurch zu verbessern suchte, daß sie charakterlos der zeitweiligen Strömung der Mehrheiten Rechnung trug oder dem Grundsätze Beifall zollte, daß zuweilen Macht vor Recht gehen müsse. Nicht durch die nationale Gesinnung, sondern nur durch das religiöse Bekeuntniß von den übrigen Mitbürgern sichverchieden fühlend, haben die deutschen Juden aber auch das größte Verständuiß für ihre Verhältnisse bei den Katholiken voraussetzen dürfen, die sich der Mehrheit der deutschen Bevölkerung gegenüber in fast gleicher Lage besinden. Diese Hoffnung hat sich auch nicht als ungegründet erwiesen; denn das die Gleichberechtigung der deutschen Juden begründende Gesetz vom n. Juli 1869 ist wesentlich durch die Beihilfe des großen Centrnmsführers Windtborst und seiner Freunde zu Staude gekommen, und in allen Fällen, in welchen parlamentarische Angriffe auf religiöse Ein« Achtungen der deutschen Juden erfolgten, sind auch andere katholische Abgeordneten grundsätzlich für die Gewissensfreibeit der nahezu wehrlosen jüdischen Minderheit eingetreten und haben erfolgreiche Abwehr geübt. Sie haben dabei nicht nur im Sinne der Gerechtigkeit und Menschenliebe gehandelt, sondern auch die eigene Sache vor erbitterten Feinden geschützt; denn der durch den Antisemitismus genährte ungesunde „Chauvinismus", der den wahren nationalen Gedanken verfälscht, verträgt sich auch nicht mit dem Katholizismus. Der Antisemitismus hat in Oesterreich die „Los von Rom"- Dewegung hervorgerufen und wühlt in Deutschland gegen die Friedensarbeit unseres Kaisers, die eine Ueberbrückuug der Kluft zwischen den Angehörigen der verschiedenen religiösen Bekenntnisse zum Ziele hat. Wo die Antisemiten ihre Maske lüften, giebt sich immer eine Meinung kund, die darauf hinausläuft, den deutschen Katholiken ebenso wie den deutschen Juden die deutsch-nationale Gesinnung abzusprechen. Sc schreibt die antisemitische „Deutsche Wacht": „Feindschaft ist gesetzt zwischen deutschem Geiste und römischem Geilte, und Kampf zwischen beiden ist das natürliche Verhältnis, das auch schnell genug wieder eintreten wird. Denn, mag auch der Papst, jetzt statt der fluchenden Worte sanfte Lobesweisen bevorzugen, er bleibt doch der grundsätzliche Feind des geifiesfreien Deutschlands. Und sein Lob vermag uns — so wrü's leider scheinen — gefährlicher zu werden, als sein längst erkalteter Bannstrahl." Die Aachener Kaiserrede mußte deshalb den Antisemiten, die so denken, gewaltig in die Glieder fahren und kaum minder erregte diese