Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-06-01
- Page
- 364 (sequence 14)
- Language
- German
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m Jin deutschen Reich. Theils der österreichischen Bevölkerung zu vertreten. Einen recht tiefen Eindruck macht in Wien die gegen einen Katholiken erhobene Beschuldigung der rituellen Blutabzapfung. Der l k. Ober- Baukomiuisfär Ingenieur Arnold Schwamberg hatte sein Dienstmädchen Aloisia Jro, das bei ihm vom 6. Februar bis ,0. Mai in Dienst stand, wegen Ueberschreitung der Ausgangszeit entlassen. Als er das Mädchen bei der Polizei abmeldete, erfuhr er, daß gegen ihn die Strafanzeige des Werkführers Wenzel Pötscher vorliege, er habe dem Mädchen zu rituellen Zwecken Blut abgezapft. Herr Schwamberg, der Christ ist, ließ die Verleumdungsklage durch seinen Vetter, den bekannten antisemitischen Advocaten l)r. Bincenz Rabenlechner, einreichen, der in der Verhandlung am 5. Juni, nachdem der Polizeiarzt erklärt hatte, daß die angeblichen Verwundungsspuren von einem Ausschlage herrühren, Herrn Wenzel Pötscher als „Provisionsagent für Ritualmorde" bezeichnete. Das Vorhandensein dieser Berufsklasse ist also offenbar dem antisemitischen Herrn Rabenlechner nicht zweifelhaft. Fast an demselben Tage gestand vor dem Sti africhter des Bezirksgerichts Landstraße Wien das Dienstmädchen Franziska Soukup ein, ihren Eltern ein „Ritualmordmärchen" nur zu dem Zwecke aufgetischt zu haben, um aus dem ihr zu schweren Dienst bei dem Fleischer Spitzer treten zu dürfen. Wenige Tage vorher hatte sich in der Stadt Äuttentcr^ durch das Dienstmädchen Anna Resper eine Blutabzapfungsgeschichte verbreitet und die seit der Polnaer Affaire für derartige Gerüchte sehr empfängliche dortige Bevölkerung in Aufregung versetzt. Als die Polizei das Mädchen vom städtischen Arzte untersuchen ließ, konstatierte dieser, daß das angebliche Opfer einer Ritualabzapfung an zwei Stellen am Arme Spuren von — Wanzenbissen aufwies. — Der Tiefstand der Kultur, von dem alle solche Vorkommnisse zeugen, erklärt das Fortwuchern der antisemitischen Sumpfpflanzen, schädigt aber das Gedeihen der gesamten Volkswohlsahrt in unglaublicher Weise. Wie zerrüttend die kulturfeindliche Seuche wirkt, wo rohe Selbstsucht unter dem Deckmantel angeblicher nationaler Begeisterung jede Spur von Menschlichkeit verleugnet und die Leiter des Staates von antisemitischen Anarchisten sich leiten lassen, zeigt sich am deutlichsten in Rumänien. Dem französischen Publizisten Bernard Lazare, der dieses Land kürzlich behufs Studiums der rumänischen Judenhetzen bereiste, bereiteten die Bukarester Inden einen sympathischen Empfang, der aber den Charakter vollkommener Harmlosigkeit trug. In einem Manifestedas von blutigen Jnvektiven gegen die Juden strotzte, lud darauf das Komitee der Studentenschaft die studierende