Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1902)
- Article
- Alfred Kirchhoff [Rezension]
- Date
- 1902-05-01
- Page
- 309 (sequence 2)
- Language
- German
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Bücherschau. 309 Schlachtfeldern Frankreichs ihr Blut vergossen hatten. Damals (am 2. Dezember 1879) versammelten sich die angesehensten Juden Berlins, und ihr damaliger geistiger Führer, Moritz Lazarus, übernahm es, in einem Vorträge: Was heißt national? Klarheit zu verbreiten. Ist es wahr, daß der Jude eine besondere Nationalität hat? Lazarus, dessen wissenschaftliches Arbeitsgebiet in erster Reihe die Völkerpsychologie war, fand nach dem Vorgänge des Statistikers Boeckh, die Nothwendigkeit gemeinsamer Abstammung zurückweisend, als das wesentlichste Kennzeichen einer Nation die Gemeinsamkeit der Sprache. Von diesem Standpunkte aus war es ihm ein Leichtes nachzuweisen, daß wir Juden Deutsche, nichts als Deutsche sind. „Und nicht die Sprache allein macht uns zu Deutschen. Das Land, das wir bewohnen, der Staat, dem wir dienen, das Gesetz, dem wir gehorsamen, die Bildung, die uns erleuchtet, sie sind alle deutsch. Muttersprache und Vaterland sind deutsch, beide Erzeuger unsres Innern." Die soeben erschienene Schrift des Hallenser Geographen Alfred Kirchhofs stellt sich auf einen wesentlich verschiedenem Standpunkt. Nicht um eine begriffliche Definition ist cs ihm zu thun, er untersucht auf induktivem Wege, auf dem realen Grunde der Thatsachen, was uns das Wort „Nation" heute bedeute. Im Gegensätze zum Mittelalter, wo das Wort natio noch die blutsverwaudtschaftlich geeinten Völker bezeichncte, zeigt uns das 19. Jahrhundert, in welchem ein so bedeutsamer Umschwung aller staatlichen Verhältnisse stattfand, daß es überhaupt keine Nation giebt, die in diesem Sinne eine genealogische Einheit darstellen konnte. Heutzutage sind Volk und Nation etwas Verschiedenes. Die Bewohner jeder Insel, jeder Stadt und jedes Staates dürfen wir in zusammcnfassendem Sinne ein Volk nennen, selbst wenn sie von ihren Nachbarn gar nicht oder kaum verschieden sind. Aus dem unbestimmten Volk erwächst die Nation, wenn es seinen geographischen Rahmen, seine festen Wohnräume innehält. Die Deutschen im heutigen Oesterreich bilden mit den Reichsdeutschen ein Volk, soweit die Gemeinsamkeit der Sprache, der Dichtung, der bildenden Kunst in Frage kommtaber nimmermehr können sie der deutschen Nation zugerechnet werden; ebensowenig zählen die Deutschen der Ostseeprovinzen, der Schweiz u. s. w. in dem realpolitischen zur deutschen Nation. Hier tritt der Unterschied zwischen der veralteten und der neuen Auffassung deutlich hervor. Wenn wir trotzdem von nationalen Sitten und Gebräuchen, von nationaler Sprache reden, so werfen wir die beiden Begriffe Nationalität - und Nation durcheinander. Auch die nationale Einheit Frankreichs und Italiens beruht