Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-05-01
- Page
- 280 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2316602-2316689-2316694--09560-2329665- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
280 Im deutschen Reich. denn für die religiöse „Toleranz" hat Windthorft Großes geleistet. Der Toleranz-Antrag des Centrums trägt einen Hauch seines Geistes und ist deshalb nicht zu unterschätzen in einer Zeit, in der eine solche Gesinnung leider nur von Wenigen getheilt wird. Toleranz im besseren Sinne hätten wir vielleicht von dem Centrum zu erwarten, wenn der Abg. vr. Bachem Führer dieser Partei würde, da er seiner Zeit im Reichstage nach einer judenfeindlichen Rede Liebermanns erklärte: „Wir bedauern es im höchsten Maße, daß über die Judenfrage in einem solchen Tone und Geiste hier gesprochen werden darf, der in hohem Maße mit den Grundsätzen der Christenliebe in Widerspruch steht, die wir niemals außer Acht lasten sollten, und der zur Lösung der bestehenden Mißstände nichts beitragen kann." EinThei! derCentrumspresfe behandelt aber leider nach wie vor die Judenfrage in dem Tone und Geiste wie Liebermann und Genossen, trotzdem diese die Katholiken nicht gerade zart behandeln und sogar wiederholt den Versuch gemach: haben, die „Jesuitenmoral" auf jüdische Einflüsse zurückzuführen. Die „Grenzboten", in denen dies im vorigen Jahre geschah, brachten in diesem Jahre einen Aufsatz des Leipziger Rectors Professor Or. Kaemme! über die Jcsuitcnfrage, der vom tiefsten Mißtrauen der Protestanten gegen diesen katholischen Orden eingegeben ist. In einem langen Artikel, den die katholische „Germania" diesem Artikel und der Entgegnung des katholischen Reichsgerichtsraths Abg. Dr. Spahn widmete, zog aber das antisemitische Centrums-Organ angebliche Angriffe „judenliberaler" Blätter gegen die katholische Kirche und ihre Orden mühsam bei den Haaren herbei, nur um die Möglichkeit zu gewinnen, mir den protestantischen Antisemiten irr Leipzig Fühlung zu behalten. Ein anderes Eentrums.Organ, das im Gegensätze zur Berliner „Germania" an den Traditionen Windhorsts festhält, die „Köln. Volkszeitung", wird deshalb im antisemirischen „Bäuerischen Vaterland" beschimpft, welches von der „Kölnischen katholischen Priesterkeuschheit" und der „makkabäischen Rheintochter des Dr. Cardanus" schreibt. Das angegriffene Kölnische Katholikcnblatt bemerkt dazu: „Da wir selbst uns darüber amüsiert haben, wollen wir auch unseren Lesern die kleine Freude gönnen, zu erfahren, in welchem Stil das „Vaterland" schimpft. Spaß muß ja sein. Uebrigens waren die Späße dieses Münchener Witzblattes früher bester. Unter dem Titel jeder Nummer steht zu lesen: „Gründer vr. .jur. I. Sigl", und der war doch zuweilen ein geistreicher Flegel." Der Antisemitismus stellt augenscheinlich überall, wo er überhand nimmt und selbst dort, wo er nicht gleich mit dem Dreschflegel droht, eine Art von Academie für „geistlose Flegeleien" dar. - Nur Menschen-