Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 4 (April 1902)
- Article
- Der Antisemitismus und die akademischen Kreise
- Date
- 1902-04-01
- Page
- 223 (sequence 2)
- Language
- German
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Der Antisemitismus und die akademischen kreise. 223 „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst" lehren und bethätigen, aus ihnen die Lehrer, die Erzieher der Jugend zu Idealen, aus ihnen die Richter, die ohne Vorurtheil und Voreingenommenheit Recht sprechen! Es verschlägt nichts; frei von solchen kleinlichen Bedenken haben die deutschen Studentenvereine das Ziel der gesellschaftlichen Isolierung der jüdischen Studenten erstrebt, und es ist ihnen, wenn auch nicht in dem Umfange, wie Verf. es glaubt oder zu glauben sich den Anschein giebt, gelungen. Ja, mehr noch! „Den tiefer veranlagten Elementen der jüdischen Studentenschaft ist dieser Vorgang nicht verborgen geblieben. Sie kamen zur Erkenntnis, daß das Liebeswerben beim Deutschthum doch ohne Erfolg sei, sie begannen sich wieder auf ihre eigene Nationalität zu besinnen (fühlten sich also bis dahin als Deutsche. Ncf.) und ihren Charakter als Juden in den Vordergrund zu stellen. Die zionistischen Ideen gewannen immer mehr weiteren Boden — Wenn sie bis jetzt noch nicht zu praktischen Ergebnissen geführt haben, wenn der Judenstaat noch ein Traum der Zukunft ist, so hat nach Böhme's Ueberzeugung daran nur die mangelnde Opferwilligkeit des jüdischen Großkapitaliomus die Schuld. Als ob sich der Opfersinn dieser Finanzmächte nicht bei allen Gelegenheiten tausendfachbewährt hätte! Wenn er es den zionistischen Bestrebungen gegenüber nicht Lhat, so liegt der Grund dafür für jeden, der sehen will, klar auf der Hand. Man will sich das Vaterland nicht rauben lassen, weder von antisemitischen Hetzern, noch von phantastischen Glaubensgenoffen. Aber mit der gesellschaftlichen Jsolirung der jüdischen Studenten kann das letzte Ziel der Deutsch-Nationalen keineswegs als erreicht betrachtet werden. Octavio fordert mehr. „Soll die antisemitische Arbeit auf akademischem Boden zugleich eine Tbat für das deutsche Volk sein, so muh mit Entschiedenheit darauf hingewirkt werden, daß die Ströme jüdischer Denkart, die unausgesetzt vom akademischen Boden zur deutschen Volksseele hinabströmcn, mehr als bisher unterbunden werden." „Oder sollen wir Deutschen es vielleicht als normalen Zustand begrüßen", so ruft Berfaffer in seiner voctischen Sprechweise aus, „wenn eine fremde Raffe uns als Culturdünger benutzt und für sich selbst nicht nur den Rerchthum, sondern auch die höhere Bildung in Beschlag nimmt?" Giebt es eine maaßlosere Uebertreibung als diese? Das an Zahl so kleine Judenthum soll die höhere Bildung lediglich für sich in Beschlag zu nehmen drohen? Dem deutschen Vaterlande steht die Gefahr bevor, daß die geistige Führung ein Monopol des Judenthumes wird?! Aber, Herr vr. Böhme, sollen sich