Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 3 (März 1902)
- Article
- Ein katholischer Edelmann über den Antisemitismus
- Date
- 1902-03-01
- Page
- 130 (sequence 2)
- Language
- German
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Im deutschen Reich. ILO Freilich hatte der größte Theil derjenigen, welche den religiösen Gegensatz gegen die Juden ji'rr private oder politische Zwecke ansnutzen wollten, die Marr, Henrici, Förster, Ahlwardt, Leuß, von Hammerstein, Drumont, gar keine Lust, auch nur diejenigen Vorschriften ihrer Religion zu befolgen, welche die Regelung des äußerem Lebens betreffen. Schon aus diesem Grunde hätten sie mit religiösem Antisemitismus keine Geschäfte machen können. Außerdem war ihnen nicht unbekannt, daß weite Volkskreise heute für religiöse Verhetzung nicht mehr empfänglich sind. Dazu kam endlich noch — last not least —, daß die Beschimpfung von ReligionsgcseÜschaften, ihren Einrichtungen und Gebräuchen heute überall mit schweren Strafen bedroht ist. Alles dies führte dazu, daß die Geschäftsantisemiten uns nicht als Religionsgesellschaft, sondern als „Rasse" angriffen; viele, religiösen Gehässigkeiten durchaus abgeneigte, Personen haben sich auch wirklich von ihnen täuschen lassen. Im Anschlüsse an einige 1869 geschriebenen Worte des großen Sprachforschers Ernest Renan, die dieser schon längst selbst als irrthümlich erkannt hatte, wurde namentlich von Marr, Diihring und Wahrmund die antisemitische Raffentheorie, ein Rattenkönig von Jrrthümern und Verleumdungen, entwickelt; sie wurde durch tausende von Vorträgen, Flugschriften und Zeitungen im Volke verbreitet und fand im Antisemitenkatechismus ihre prägnanteste Ausprägung. Die Menschen weißer Rasse, so hieß es, zerfallen in die arischen oder indogermanischen und die semitischen Völker. „Die arischen Völker" — so erklärt der Antisemitenkatechismus wörtlich — „sind mehr seßhafter Natur; sie pflegen Ackerbau, Gewerbe, Kunst und Wissenschaft; sie sind staatengründend, muthig und tapfer; der Grundzug ihres Wesens ist die Geradheit, Ehrlichkeit, Treue und Hingebung". Dagegen seien die semitischen Völker, zu denen auch die Juden gehören, „Nomaden". „Ackerbau, Technik und Kunst" sei „ihnen fremd, wie jede ehrlich schaffende Arbeit". „List, Verbrechen, Heuchelei, Lüge", „Zudringlichkeit, freche Anmaßung, schrankenlose Selbstsucht, unerbittliche Grausamkeit und maßlose Geschlechtsbegier" seien „die Hauptgrundzüge des Semitencharakterv". Obgleich die Unrichtigkeit solcher Behauptungen jedem, der eine größere Zahl von Juden oder ein kleines Stück der jüdischen Geschichte kennt, von selbst hätte einleuchten müssen, machten sie leider nicht nur auf ungebildete und gedankenträge Elemente, sondern bis hinein in gelehrte Kreije Eindruck. Selbst Bücher, denen im übrigen wissenschaftlicher Charakter eignet, haben einzelne Bestandtheile jener antisemitischen Rassentheorie übernommen, wenn sie auch gleichzeitig ihr