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Im deutschen Reich · 1902-02-01 · Heft 2 (Februar 1902) · p. 101

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
8 (1902)
Issue
Heft 2 (Februar 1902)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1902-02-01
Page
101 (sequence 11)
Language
German
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IRI
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Umschau. 101 evangelisches Bekenntniß und die evangelische Geistlichkeit beschimpft. Beide Herren haben überdies die Glieder der evangelischen Kirche in Oesterreich als unpatriotisch zu denunzieren versucht. Inwieweit die genannten Herren diese Kampseswcise mit ihren persönlijchen Ehrbegriffen zu vereinigen im Stande sind, überlassen wir ihnen. Wir haben nicht über ihre Ehre zu wachen, wohl aber wollen wir die Wächter unserer Ehre sein. Und darum protcstiren wir feierlich gegen diese maßlosen Beschimpfungen." Wenn Liechtenstein die Juden angreift und hierbei dem Grafen Andraffy ein antisemitisches Brandmal aufdrückt, wird er freilich ebenso wie Rohling, der „Lutherfeind" und „Talmud-Verfälscher", zuweilen selbst von eifrigen deutschen Protestanten als Autorität hingestellt. Duldsamer als Prinz Liechtenstein ist der chrffrlich-soffale Wiener Oberbürgermeister Dr. Lueger; er rief zwar kürzlich wieder in einer „Dameuvcrsammlung" unter dem jubelnden Beifall der antisemitischen Amazonen, „wenn die Christen das Geld wieder dem christlichen Belke zuwenden, dann ist die sogenannte Jndenfrage gelost", veranlaßte aber kurz darauf den Stadtrath, die Herstellung eines Ziergeländers auf der Wienflußmauer der Fabrik eines Juden zu übergeben, und handelt auch bei anderen ähnlichen Gelegenheiten nach denselben finanziell-toleranten Grundsätzen. Die radikalen „alldeutschen" Antisemiten Wiens bemühen sich, alle solche Fälle möglichst an die Oeffentlichkeit zu bringen, aber, da in Geldsachen auch in Wien die Gemüthlichkeit ansbört, richten sie damit wenig gegen das „chn'stlich-joffale" Stadtoberhaupt aus. Ebensowenig hat es seiner VolkoUn'nnlichkeit Eintrag gethan, daß von den radikalen Antisemiten die Maßregelung einiger jugendlichen Offiziere, welche auf dem Hoiballe I)r. Lueger auffällig zugetrunken batten, ausgcbeutet wurde. Daß unter zahlreichen anderen Herren auch der Verleger des stramm antisemitischen „Deutschen Volkoblalteo". Vergani, bei dem Ballfeste der Stadt Wien am 22. Januar dem Kaffer Franz Joseph vorgestellt wurde, veranlaßte das Berliner AntisemitenblatL zu der Bemerkung: „An die Vorstellung Nergani's knüpft natürlich kein besonnener Anwcmit irgend welche besondereu Erwartungen für Gegenwart und Zukunft; aber den Juden ist sie dennoch in die Gebeine gefahren." Das ist unzutreffend, denn die Juden Oesterreichs haben sich längst daran gewöhnt, daß dort der Antisemitismus als Machifaktor betrachtet wird, trotzdem er in sich zerklüftet ist und nur deshalb Einfluß ausübt, weil die maßgebenden Kreise ihn scheuen oder für ihre Zwecke gebrauchen zu können glauben. Was damit angerichtet wird, zeigt der moralische Niedergang weiter Volkskreije durch die antisemitische Verseuchung. Daß in Wien fast gleichzeitig ein jüdischer

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