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Im deutschen Reich · 1902-02-01 · Heft 2 (Februar 1902) · p. 94

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
8 (1902)
Issue
Heft 2 (Februar 1902)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1902-02-01
Page
94 (sequence 4)
Language
German
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94 Im deutschen Reich. Wenn Graf Pückler sturmbewegte Zeiten voraussagt, kann er, wie die meisten Schwarzseher, schließlich Recht behalten, aber weder durch seine „Gesundbeterei" noch durch seine Versuche, die Juden wieder zu Prügelknaben zu machen, wird er das Nebel bannen, das er vielmehr selbst mit heraufbeschwört, inbcm er sich rastlos bemüht, die Zuverlässigkeit der preußischen Rechtspflege in Zweifel zu ziehen und die Massen gegen unsere staatlichen und gesellschaftlichen Zustände zu erbittern. Was er säet, das ernten die Sozialdemokraten, vielleicht sogar die Anarchisten; auch der Abg. v. Massow erzielt nichts anderes, indem er der bekannten „bilderreichen Sprache" Pücklers Eingang ins Parlament verschafft und Erwiderungen hervorruft, die draußen weit mächtiger wiederhallen als seine Stentorstimme. Draußen braust es ohnehin schon dumpf genug wieder von den Klagen derer, welche in Folge des Export-Rückganges brotlos geworden sind und es allein der Einwirkung der Rückschrittler alsi die Mirthschastopelitik zuschreiben, daß die Lebensmittel vcrtheuert werden. Die letzten Rcichstagowahlen sind offenbar dadurch stark beeinflußt worden; im Königreich Sachsen ging der Wahlkreis Dobeln an die Sozialdemokraten verloren, deren Kandidat den Konservativen Sachße-Merschwitz und den Nationalen Dr. Vogel im ersten Anlauf besiegte; im Wahlkreise Schaumburg-Lippe kam es zu einer Stichwahl, bei welcher der von den Konservativen und dem Bunde der Landwirthe unterstützte antisemitische uns wohlbekannte Kaudirat, Graf Rcveutlow, unterlag, während der freisinnige Architekt Dcmmig mit einer Mehrheit von über IKK) Stimmen das Mandat erlangte. Die bitteren Vorwürfe, die sich die einzelnen Fraktionen der unterlegenen Parteien untereinander wegen dieser Wahlausfälle machen, können niemanden darüber täuschen, daß die Erneuerer der „Stahl'schen wirthschaftlichen Doktrinen" den Bogen zu straff gespannt haben und jetzt weite Volkskrcise im Begriffe stehen, sich aus dem Laune einer ungesunden Romantik loszulöscn, die nur dazu diente, den Mittelstand über seine Beschützer und seine Ausbeuter zu täuschen. Der von den Konservativen und dem Bunde der Landwirthe kräftig unterstützte deutschsoziale Eandidat Graf Reventlow würde bei der Wahl in Schaumburg-Lippe und ganz besonders bei der ungewöhnlich rasch darauf veranstalteten Stichwahl wahrscheinlich noch schlechter abgeschnitten haben, wenn er nicht in allen Wahlversammlungen feierlich versichert hätte, daß er mit den Radau-Antisemiten nichts zu thun haben wolle. Dabei trat er meist als menschenfreundlicher Sozialpolitiker aus und suchte die Wähler durch ein aus sozialistischen und bodenreformerischen Forderungen zusammengesetztes Programm zu gewinnen, welches nur dadurch geringen Eindruck machte, daß er

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