Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-02-01
- Page
- 92 (sequence 2)
- Language
- German
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92 deutschen Reich. kürzlich am 16. Januar Freiherr von MauLenffcl im Namen der konservativen Fraktion des preußischen Herrenhauses am Grabe des rassenechten Stahl alias Schleßingei^auf dem alten Matthäi'Kirchhofe einen Lorbcerkranz mit schwarz-weißer Schleife niederlegte, setzte er sich in Widerspruch mit dem Programm der Tivoli-Konservativen, welches nicht nur die Juden, sondern auch die Judensproßlinge verpönt, trotzdem viele der letzteren selbst die Dinge fördern, unter welchen sie mit leiden. Wenn aber die „Konservative Korrespondenz" auf den Vorwurf der „Verjudung" durch die Stahl'sche Parteigründung erwiderte, daß Stahl nicht der einzige bekehrte Jude war, der ihrer Sache schatzbare Dierste geleistet habe, so hatte sie leider Recht. Aber noch ist nicht aller Tage Abend; die Zukunft wird lehren, daß der Mann, welcher einer gedankenarmen Partei zeitweise durch die Behauptung aufhalf, daß die Wissenschaft umkehren - müsse und daß die Geltendinachung jener Rechte, „die droben hängen, ewig unveräußert" eine Sünde sei, doch ein falscher Prophet gewesen ist, weil die Zeit und die Wissenschaft rastlos fortschreiten und früher oder später Recht und Bildung immer den Sieg erringen müssen. In dem rückschrittlichen Geiste, den Friedrich Stahl durch das Bündnis; des kritiklosen Glaubens mit der herrschenden Nittcrkaste groß, ziehen hals, sind alle jene hochgeborenen Männer erzogen worden, die jetzt in den Parlamenten und öffentlichen Versammlungen Neligions- und Rassenhaß in einer Weise bekunden, welche früher bei allen vornehmen Naturen Abscheu erregt hätte, jetzt aber infolge des seltsam vergröberten Geschmacks bei den Antisemiten Beifall und bei deren Gegnern höchstens Lachsalven Hervorrust. Ohne auf ernsten Widerspruch zu stoßen, kann leider in unserer Zeit ein Graf Pücklcr öffentlich verkünden, daß Deutschland vor einer Hochflut!) der autifcmilijdjcii Bewegung stehe, die das Reich in seinen Grundfesten erschüttern werde. Im Deutschen Reichstage darf der konservative Abgeordnete für Labian —Wehlau, Herr von MassowF ohne Schlimmeres zu erfahren, als von politischen Gegnern ausgelacht zu werden, eine Rede halten, in welcher er von seiner Partei sagt, daß ihre jetzigen Vertreter die Nachkommen jener Männer seien, die Preußen und Deutschland groß gemacht. Er darf, durch keinen Ordnungsruf gehemmt, von seinem Gegner sagen: „Wenn diese Leute sich von der Bühne herabsingen lassen: „Komm' herab o Du Donna Theresa", so rufen wir ja auch nicht: Da kommt der Jude, was rufen Sie denn immer: Da kommt der Junker? Davon bin ich überzeugt, unzählige Thränen wären nicht vergossen worden wenn das Rothe Meer so verrninfti.'g gewesen wäre und bei