Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1902)
- Article
- Jüdische Krankenpflegerinnen
- Date
- 1902-02-01
- Page
- 85 (sequence 2)
- Language
- German
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Jüdische Krankenpflegerinnen. 85 Kräften, weil die Ansprüche zu groß sind, und deßhalb sorgen die katholischen Schwesternhäuser in erster Linie für die katholischen und die Diakonissenhäuser vorzugsweise für die protestantischen Kranken. Von den unduldsamen Eiferern, die jedem Andersgläubigen ebenso wie den nicht ganz waschechten Schafen der eigenen Heerde die Hülfe versagen, will ich nicht reden; sie sind zum Glück selten. Wer aber geht zu den jüdischen Armen, wenn die protestantische und die katholische Schwester ihre eigenen Glaubensgenossen wegen Arbeitsüberbürdung nicht befriedigen könnend Ist nicht ein weites Feld für die jüdische Schwester, wenigstens in den großen Städten? Man dalf auch nicht vergessen, daß die jüdischen Armen ein Proletariat besonderer Art bilden. Sie sind in manchen Dingen viel schwerer zu behandeln als der christliche Arme, und sie haben eine Maste oft unangenehmer Eigenheiten, deren Ursprung eine Jüdin besser kennt als eine Ehristin, und die sie ihnen desthalb eher verzeiht. Und noch eins! Die Armenschwester ist nicht blos Krankenpflegerin, sie ist auch ein Stück Familienmutter. Wenn in einer armen Familie die Mutter krank ist, dann ist eine Krankenschwester, die ihren Berns recht anffasst, die beste Helferin. Sie verpflegt die Kranke, .sie sorgt dafür, daß der Mann, wenn er von der Arbeit heimkommt, eine warme Stube und etwas zu essen findet, sie zieht die Kinder an, schickt sic in die Schule und bringt sie zu Bett, versorgt auch die Kleinen und schafft Ordnung und Sauberkeit im Zimmer. Das alles kann nun auch eine (Christin. Aber zu alledem braucht man die weitere Unterstützung wohUhätigcr Menschen, man braucht Hotz, Kohlen, Nahrungsmittel und auch bares Geld. Es zu erbetteln, ist nicht Aufgabe einer Krankenschwester. Wo aber eine jüdische Armenschwester wirkt, da steht sie mit den jüdischen Wohlthätigkeitsvereinen des betr. Platzes in Verbindung, sie weiß sofort, wo Mitte! zu haben sind, und da es ihre Verpflichtung ist, die jüdischer. Armen ebenso wie die jüdischen Vereine zu kennen, so trägt sie auch dazu bei, die Mittel der Vereine den Würdigsten zukommcn zu lassen. Die jüdische Krankenschwester kann aber, wie ich schon in der obengenannten Broschüre gesagt habe, auch den Wohlhabenden unter uns Manches leisten, waä die christliche nicht zu bieten vermag. Zn erster Linie kommen da alle religiös gesinnten Kranken in Berracht, denen es gerade bei länger dauernden Krankheiten ein Bedürfnis ist, auch der Pflegerin gegenüber sich einmal über irgend ein religiöses Thema auszusprechen. Ich sage ausdrücklich „religiös gesinnt" und nicht „orthodox", und ich denke dabei natürlich nicht an die Kranken,