Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1902)
- Article
- Ritualmord und Eid
- Date
- 1902-02-01
- Page
- 80 (sequence 3)
- Language
- German
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80 Fm deutschen Reich. So sehr wir uns nun von jenem Eide zurückhalten sollen, so ist doch der Eidschwur gestattet, ja sogar Pflicht, wenn die staatliche Ordnung, wenn Gerechtigkeit und Gesetzmäßigkeit, wenn Wahrheit und Sittlichkeit durch denselben befestigt und erhalten werden sollen, und wir dasjenige, was wir beschwören, ganz gewiß und untrüglich wissen. Und nun hören Sie mich, Herr Abgeordneter! Sie haben wieder im deutschen Reichstage die Worte Blntmord und Ritualmord in die Welt hinauögerufen. Als erfahrenem Manne werden Ihnen sicherlich die Schriften der christlichen Gelehrten Delitzsch, Strack. Ehwolson, Pfarrer Frank u. a. bekannt sein, die mit echt deutscher Sorgfalt und Gründlichkeit an der Hand von Urkunden und Akten und nach genauester Durchsichtung und Dnrchsiebung der einschlägigen christlichen und jüdischen Littcratur als sonnenklar und zur Evidenz nachgewicsen haben, daß der sogenannte Ritualmord, der den Juden angedichtet wird, eine absolute Lüge, ein albernes Märchen sei; nicht anders, als wie verblendete Chinesen und fanatische Lorerhorden den Christen Ritualmorde zumuthen. Sott ich Ihnen noch einmal all' die Lullen und Erlasse erleuchteter Päpste und vorurtheilsloser, gerechter weltlicher und geistlicher Fürsten vorführen, welche die Ritualmorde, deren man die Juden bezichtete, in das Reich der Fabel verweisen und diese Bezichtigung als eine bodenlose, niederträchtige Verleumdung erklären, geeignet, Tod und Verderben über unschuldig verdächtigte Menschen zu bringen? Soll ich Ihnen noch einmal die grauenhaften, mittelalterlichen Prozeß-Akten aufrollen, aus denen der Schrei der gemarterten, unschuldigen Juden uns entgegentönfl die auf der Folterbank etwas gestehen sollen, von dem sie absolut nichts wissen — bis erst später, oft durch Zufall, die Verlogenheit und Haltlosigkeit der Blutbeschuldigung zu Tage trat? Es ist eine lange, traurige Leidensgeschichte, von der der Genius der Menschheit mit Errothcn sich abwendet. Und doch haben Sie es über sich gebracht, vor dem hohen Hause des deutschen Reichstags, vor den berufenen Vertretern des Volkes der Dichter und Denker die Worte Ritualmord und Blutmord auszusprechen. Sie haben dadurch mich, den deutschen Rabbiner, in meinen heiligsten Gefühlen gekränkt und tödlich beleidigt. Ich appelliere an Ihre Ehre. Es ist eine Ehrenpflicht des Beleidigers, den Beleidigten zu hören.