Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1902)
- Article
- Der Antisemitismus in der Schweiz
- Date
- 1902-02-01
- Page
- 73 (sequence 9)
- Language
- German
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Der Antisemitismus in der Schweiz. 73 semitischen Stämmen, eingeführt ist, ganz abgesehen von ihrer symbolischen religiösen Bedeutung auch hygienische Vorzüge. Wo aber rituelle Vorschriften maßgebend sind, dürfte es mindestens ein Eingriff in die persönliche Freiheit des Einzelnen sein, durch staatliche Verbote etwas zu hindern, was keinen andern schädigt oder stört. Eine Rückwirkung auf angebliche gewisse Nasseeigenthümlichkeiten wäre sicher von solchem Verbote nicht zu erwarten, ebensowenig würde ein solches Verbot irgend eine wirthschaftliche Bedeutung haben, da es einer Ueberflutung der Schweiz mit Reformjuden Ln keiner Weise hinderlich sein könnte. Eines ließe sich freilich dadurch erzielen: die Meinung in weiten Kreisen zu verbreiten, daß der schweizerische Freistaat unter dem Banne unduldsamer Antisemiten stehe und sich gezwungen gesehen habe, dem ersten Zugeständniß des Schächtverbors ein weiteres Zugeständniß auf dem Gebiete der Schädigung religiöser Vorschriften der Juden folgen zu lasten. Die antisemitischen Parteiführer würden über einen in der freien Schweiz ertrotzten oder erschlichenen, bedenklich an russische Verhältnisse erinnernden judenseindlichen Utas sofort ein Triumphgehcu! anstimmen und nach ihrer Art, wie immer, wenn man ihnen den Finger reicht, die garue Hand verlangen, also den vollständigen Bruch mit den großen Traditionen eines Ulrich von Hutten und des duldsamen Freidenkers Rousseau. Das mögen die beffergesinnten, von Vorurtbeilen freien Schweizer wohl bedenken! Der von ihnen mit Recht so hochgehaltene deutsche Dichter Friedrich Schiller hätte von dem Versaffcr der hier besprochenen, die Intelligenz freier Mitbürger geradezu verleumdenden „Jntclligenzblatt" - Artikel gewiß nicht gesagt: glaubenswerlhcr Mann, Johannes Müller, bracht' es von Sch aff Hausen!" Einem freiheitsliebenden, aufgeklärten Volke sollte man kaum erst die Warnung Schillers rn's GedächLniß zurückrufcn müssen: „Der Bürger, den Sie verloren um den Glauben, war Ihr edelster"; cs verwirkt seinen eigenen Anspruch auf den höchsten Ruhm eines Kulturvolkes, Bildung und Freiheit, wenn es sich nicht zur menschenfreundlichen Gesinnung des Dichters bekennt: Ein güt'ger Herr thut seine Pforten auf Für alle Gäste, keinen schließt er aus; Gleichmessend gießt der Himmel seinen Thau Auf alle durstenden Gewächse aus. Was irgend gut ist und von oben kommt, Ist allgemein und ohne Vorbehalt; Doch in den Falten wohnt die Finsterniß! ^lpironse Levy.