Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 8 (August 1901)
- Article
- Studententhum und Centralverein
- Date
- 1901-08-01
- Page
- 380 (sequence 2)
- Language
- German
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380 \3»i\ DCdl<^yC\X viCCCi5* unter der allbeherrschenden Verwaltung des Fürsten Bismarck der Antisemitismus in Deutschland neu entstanden, daß er unter der Verwaltung dieses Mannes groß geworden ist. In diesem Saale ist in unserem Verein an das alte Wort Talleyrands erinnert worden: „Le coeur de Thomme d’4tat doit etre dans ]a täte", und wenn einer diesen Grundsatz befolgt hat, so war es Fürst Bismarck. In der That, das Herz saß bei ihm im Kopfe. Nicht entfernt will ich einen Vorwurf deshalb gegen ihn erheben. Man kann wohl nur ein großer, ein bedeutender Staatsmann sein, wenn man nicht mit dem Herzen fühlt, sondern ausschließlich mit dem Kopfe denkt. So nützte Fürst Bismarck den Antisemitismus, glaubte ihn nützen zu können, um den ihm verhaßten Freisinn zu zerschmettern, und so duldete er, daß der Antisemitismus groß wurde. Müssen wir es nun als eine Ursache des außerordentlichen Wachsthums dieser häßlichen Bewegung ansehen, daß sie von oben her geduldet wurde, so müssen wir uns doch andererseits fragen: welches sind die Ursachen, daß diese Bewegung entstehen konnte? Wenn wir danach fragen, so werden wir die mannigsalLigsten Gründe finden. Als Deutschland groß wurde, als die wahrhaft große deutsche Zeit waltete in den dem Jahre 1870 vorangehenden und unmittelbar folgenden Jahrcn, da kannte man keinen Antisemitismus. Als der wirtschaftliche Niedergang Deutschlands begann, da begann mit ihm auch diese Bewegung. Dazu kam der Chauvinismus, der dem Deutschen mehr oder weniger angeboren ist, und den schon Kaiser Friedrich als Kronprinz scharf gegeißelt hat. Es kam weiter die Sucht der rohen Menge, die Gewalt herrschen zu lassen und Minderheiten zu unterdrücken, sobald man die Macht besitzt, es zu thun. Es kam bei vielen weiter dazu die Sucht, den Antisemitismus geschäftlich für sich auszunützen. ' Der Gründe sind mancherlei. Jndeß wichtiger ist es, danach zu forschen: Wie werden wir diese Schmach des vorigen, und, wie sich's anlaßt, leider auch dieses Jahrhunderts los? Das Wort nun, das mit Recht dem edeln Kaiser Friedrich so hoch angerechnet worden ist, das Wort: „Lerne leiden ohne zu klagen," hat doch nur in engen Grenzen seine Berechtigung. Man wird diese nur da anerkennen dürfen, wo das Leiden, dem man sich schweigend hingeben soll, unheilbar ist, wo es unvermeidbar ist. Sonst ist es des Mannes nicht würdig, Unheil schweigend zu dulden, Unrecht zu ertragen, ohne nur zu murren. Wenn das Leiden noch nicht unausrottbar ist, dann heißt's nicht: klaglos leiden, dann heißt's: sich wehren.