Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1901)
- Article
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur [Rezension]
- Date
- 1901-06-01
- Page
- 374 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316676-2316683-2327980--08401-2328094- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
374 Hm deutschen Reich. unternommenen Uebertritte mag es gestattet sein, ein Wort eines hervorragenden christlichen Mitbürgers, des Straßburger Professors Theobald Ziegler, zu erwähnen. Derselbe sagt in seinem Buche über die geistigen und sozialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts: „Heute ist der Uebertritt eines Juden zum Christenthum, keine indifferente, sondern — ganz besondere Fälle abgesehen — eine recht verächtliche Sache." Wie dieser politische Jahresrückblick ist auch die „historische Jahresrevue", welche wiederum der kenntnißreiche Gustav Karpeles giebt, von schmerzlichen Gedanken erfüllt. „Noch immer harren wir der großen Werke, welche das überreich vorhandene, seit Jahrzehnten angesammelte Material in 'systematischer Weise und nach den Forderungen der Wissenschaft verarbeiten. Noch immer warten wir auf die großen Dichter, welche die brennenden Zeitfragen und die vielen seltsamen neuen Erscheinungen innerhalb des Judenthums« der Gegenwart in poetischen Bildern uns vorführen." Freilich scheint mir Karpeles den Werth, den auch methodisch durchgeführte wissenschaftliche Untersuchungen .über ganz spezielle Themata wie „über den Leichenstein irgend eines unbekannten Mannes oder über die Jahreszahl des Druckes irgend einer alten Techina" haben, zu unterschätzen, namentlich wenn er meint, daß wir schon zu viele Vorarbeiten und zu viel Material besitzen. Alle bedeutenden Werke der allgemeinen Geschichtswiffenschast wie Mommsen's „Römische" und Lamprecht's „Deutsche Geschichte" oder Scherer's „Deutsche Literaturgeschichte" wären ohne vre tausend Bausteine. welche fleißige Spezialisten geliefert haben, nicht möglich gewesen. Gewiß kann man sich Karpeles' Wunsch nur anschließen, daß wir eine Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie, eine solche der neuhebräischen Dichtung, eine Biographie des Maimonides re. erhalten. Allein Karpeles' Mahnung, an die Erforscher der jüdischen Wissenschaft, neben Spezialarbeiten auch Arbeiten über solche umfassenden Themata zu liefern, kann leicht zu unnützen und oberflächlichen Büchern führen. Auch für die Wissenschaft des Judenthums dürfte das Wort eines bedeutenden christlichen Gelehrten wahr sein, daß Arbeiten, die ein ganzes Wissensgebiet darzustellen unternehmen, heute nur noch als Abschluß von Forschungen gegeben werden können, die ein ganzes Leben ausgefüllt haben. Im Jahrbuch folgen dann fünf wissenschaftliche Aufsätze. Der verstorbene Hajim Steinthal spricht über die Stellung der Semiten in der Weltgeschichte; besonders treffend hat er hier die Bedeutung geschildert, welche die hebräische Sprache, Wissenschaft und Literatur durch die Reformation für England und Deutschland gewann.