Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1901)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1901-06-01
- Page
- 345 (sequence 11)
- Language
- German
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Umschau. 345 lobe verurtheilt wurde, jedoch nicht gestanden hat, nicht hingerichtet wird. Von den durch den antisemitischen Bürgermeister Algiers, Mar Regis, zu judenfeindlicheu Tumulten aufgereizten Personen haben einzelne neuerdings erfahren, daß die französischen Gerichte solches „Boxerthum" nicht unbestraft lassen. Neunzehn Angeklagte, darunter zehn Ausländer, standen in den letzten Maitageu deshalb vor dem Zuchtpolizeigericht in Algier. Der Staatsanwalt Eon verlangte eine unnachsichtliche Bestrafung dieser Leute; Algier müßte von Strolchen und Misfethätern, die die Straßen der Hauptstadt der Kolonie unsicher machen, gesäubert werden. Der Gerichtshof folgte auch dieser Aufforderung und verurtheilte die Angeklagten zu einem bis fünfzehn Monaten Gefängniß, wozu für die Bandenführer Verbote des Aufenthaltes in Algier hinzukamen. Der aus der Untersuchungshaft herbeigeführte antisemitische Stadtrath Lionne kam in diesem Handel zwar zunächst mit 100 Francs Buße davon, hat sich aber nun noch wegen Gewalttätigkeiten gegen Beamte im Dienste zu verantworten. Im Norden der brasilianischen Republik, im Staate Para, wo ein Theil der zu arger Verschwendung geneigten Bevölkerung angeblich von jüdischen Gläubigern hart bedrückt worden sein soll, ist es vor einigen Wochen zu einer förmlichen Judenverfolgung gekommen. Der Pöbel drang in die von Juden bewohnten Häuser ein, um dieselben zu plündern und sich besonders an dem in den Läden Vorgefundenen Branntwein rc. zu berauschen. Schließlich wurden sämmtliche Juden ans der Stadt hinausgetriebeu und einige Meilen außerhalb des Stadtbereiches ihrem weiteren Schicksale überlassen. In dem Orte selbst wurde das Zerstörungswerk fortgesetzt und mit dem Eigenthum der „ausgewiesenen" Juden derartig umgegangen, daß nicht nur alles, was irgend welchen Werth repräsentierte, spurlos verschwand, sondern auch an den betreffenden Häusern keine Thür und kein Fenster ganz blieb. Die Polizei schien vollständig machtlos die Ausschreitungen zu verhindern. Die Regierung hat strengste Untersuchung des Falles augeordnet; wie gewöhnlich werden nur die Verleiteten büßen, die Aufwiegler aber der Strafe entgehen. Die an so vielen Orten gegen eine wehrlose Minderheit begangenen Frevel häufen sich in erschreckender Weise; die Zügellosigkeit nimmt dabei so überhand, daß man mit Adalbert v. Chamisso sagen möchte: Ob voll das Maaß der Sünde? Ob reifet ihre Saat Der Sichel schon entgegen? Ob die Erfüllung naht? Ich will es nicht berufen, doch dünkt mich Eins wohl klar: Es find die Zeiten Heuer gar ernst und sonderbar! A.L.